Ein Pinboard im Geschichtsunterricht

Zeitmangel

Zu wenig Zeit. Eigentlich immer. In den sogenannten “Nebenfächern” trifft das noch mehr zu. In meinem also nicht so “wichtigen” Fach Geschichte, das man ja nur nebenbei hat, ist die Zeit wirklich sehr knapp.

An meiner Schule gilt das 70-Minuten-Modell. Für das Unterrichten an sich ist das sehr gut, denn so habe ich immer viel Zeit für Arbeitsphasen (Erarbeitung) und vor allem für eine Diskussion (Transfer/Sicherung). Für die “Nebenfächer” heißt das aber auch, dass ich wöchentlich nur eine Stunde zur Verfügung habe – man stelle sich hier nur mal das zweite Halbjahr mit den ganzen Feiertagen vor…

In der neunten Klasse spannt sich der thematische Bogen von der Weimarer Republik (natürlich NUR ihr Untergang!*) bis hin zu dem vielsagenden Thema “Deutschland und die Welt nach 1945”**. Viel Stoff, wenig Zeit. Noch blöder.***

* Im Kernlehrplan Geschichte NRW Sek I Inhaltsfeld 10 ist lediglich „Die Zerstörung der Weimarer Republik“ genannt; Anfänge nach dem Ersten Weltkrieg und sich daraus ergebende Probleme sind wohl zweitrangig. Ich bin da etwas rebellisch und unterrichte sie trotzdem (sehr verkürzt), da man meiner Meinung nach sonst nicht den Zusammenhang zu den Entwicklungen zum Nationalsozialismus verstehen kann.

** Übrigens endet der Geschichtsunterricht auch im Jahr 2017 noch immer mit der Wiedervereinigung und somit Anfang der 1990er Jahre. Alles danach ist noch immer “Zeitgeschichte” und somit Politik 🙈

*** Der Tagesspiegel hat gerade einen vielsagenden Artikel zur Pflichtstundenzahl in Geschichte veröffentlicht. Danke an Christoph Pallaske, der mich über Twitter darauf aufmerksam machte.

Die Idee

Letztendlich hatte ich durch diverse Feier- und bewegliche Ferientage, Exkursionen etc. vier 70-Minuten-Stunden übrig, um die wichtigsten Ereignisse nach dem Zweiten Weltkrieg unterzubringen. (Wir testeten ja auch noch das mbook mit den iPads…).

Die Idee war also eine Art Pinboard, die wichtige Ereignisse nach und nach darstellt und auch auf die Zusammenhänge eingeht. Wichtig war mir dabei, nicht nur politisch-geschichtliche Häppchen isoliert darzustellen, sondern auch sogenannte “kulturgeschichtliche” Ereignisse, wie z.B. eine Fußball-WM mit einzubinden.

Zentraler Gegenstand sollten dabei Bilder sein, mit denen die Schüler die Ereignisse assoziieren und so besser behalten können. Sobald einige Ereignisse an der Wand hingen, sollten die Schüler selbst Zusammenhänge ziehen und diese auch buchstäblich miteinander verbinden. In der Planung dachte ich sogar an Wollfäden, die man spannen könnte, bin dann aber beim Stift geblieben. Deswegen sollte alles auf Packpapier gepinnt werden.

Analog dazu sollten die Schüler die Bilder/Karten in kleinerer Form bekommen und ebenfalls aufkleben, sodass sie immer alle Schritte nachvollziehen konnten.

Jetzt stellte sich noch die Frage, wie die iPads und das mbook eingebunden werden konnten, ohne – leider muss ich es so formulieren – Zeit durch technischen Schnickschnack zu verlieren.

Natürlich waren die QR-Codes wieder mit dabei. Diese sollten zu kleinen Videos o.ä. verlinken, damit die Schüler sich diese selbständig anschauen und verinnerlichen konnten.

Des Weiteren wollte ich verschiedene Quiz-Apps nutzen, um die Inhalte voriger Stunden kurz zu wiederholen und sich das Gesamtbild weiterentwickeln kann. (Man darf nämlich nicht unterschätzen, was eine ganze Woche Abstand zwischen den Stunden ausmacht!)

Vorbereitung

Nach Jahrzehnten geordnet suchte ich nach den wichtigsten Ereignissen (die Wikipedia-Übersichten sind dafür sehr gut geeignet) und schrieb sie als Stichwort auf Haftnotizen. Dabei versuchte ich unterschiedliche Farben zu benutzen, um sie gleich als “politisch” oder  “kulturgeschichtlich” zu kennzeichnen (das ließ sich übrigens nicht immer so klar voneinander trennen…).


Nachdem ich den ganzen Überblick hatte, musste ich abermals aussortieren. Es bringt ja nichts, wenn ich nur einen Satz zu einem Ereignis erwähne, es den Schülern aber nichts “sagt”. Zu voll sollte die Wand ja außerdem auch nicht werden.

Als gutes Vorbild wollte ich natürlich nur Bilder mit CC-Lizenz nutzen und dachte auch, dass dies kein Problem darstellen würde. Eigentlich! Wer hätte gedacht, dass ein Foto vom Kniefall Willy Brandts noch immer nicht “frei” ist! (Ganz nebenbei: Hier muss sich dringend etwas ändern!)

Die gefundenen Bilder sammelte ich dann mit Titel und ggf. einem QR-Code in einer Präsentation. (Wer diese Karten nutzen möchte, findet die Präsentation hier als PDF). Die Version für die Schüler war in ausgedruckter Form natürlich viel kleiner (16 Folien pro Seite, die ich übrigens selbst für alle druckte, damit sie in Farbe waren).

Planung für vier Schulstunden

Ausgestattet mit dem Material musste ich nun überlegen, ob und wie ich in den besagten vier Stunden interaktive Elemente einbauen konnte. Dass ich dieses Mal viel mehr frontal und über kurze, geschickt eingesetzte Lehrervorträge machen musste, war mir klar.

Ebenso klar war für mich ein chronologisches Vorgehen. Also teilte ich die Stunden grob in die Jahrzehnte auf, die ich behandelte. Um nicht durcheinander zu kommen, legte ich die jeweiligen Karten in Briefumschläge und beschriftete sie entsprechend. Ich hatte aber immer alle dabei, sodass ich bei sehr schnellem Vorankommen sogar noch etwas mehr hätte machen können (was nicht passierte).

In der ersten Stunde erzählte ich den Schülern von dem Experiment, wie ich es mir vorstellte, warum sie nun etwas mehr von mir hörten als sonst und was ich mir davon erhoffte. Meine lieben Schäfchen waren davon direkt angetan und wollten am liebsten noch Fähnchen – wie im Film – mit einbauen, damit man die Zusammenhänge und die buchstäblichen Fäden noch besser erkennen könne 😍

Durchführung

Ich verband mein iPad mit dem geliehenen Apple TV und zeigte die einzelnen Karten (gespeichert als Bild bzw. PDF) über das Smartboard. Da auf jeder Karte immer nur das Bild, das Jahr und der Titel zu sehen war, gab es immer eine kurze Denk- und Murmelphase, sodass die Schüler ihr Vorwissen mit einbringen konnten.


Ich war doch sehr erstaunt, was sie an kleinen Teilstücken schon immer wussten. Diese konnte ich dann gut nutzen und nochmals abschließend zusammenfügen. Erst wenn es keine Fragen mehr gab, kam die Papierkarte an die Wand (entweder ging ich selbst oder ließ es einen Schüler anpinnen, je nachdem, was gerade passte).

Am Ende jeder Stunde fragte ich nach eventuellen Zusammenhängen untereinander oder in späteren Stunden zu bereits hängenden Karten. Diese wurden dann entweder nur per Linie verbunden oder mit einer zusätzlichen Info-Karte versehen. Auch den Inhalt der Info-Karte entschieden die Schüler selbst, zwecks Zeitökonomie beschriftete ich diese aber.

Am Anfang der Folgestunden kam die Wiederholung: Zum Beispiel in Form eines kurzen Kahoot!, mit einem Quiz in Socrative oder rein mündlich, indem ich die Karten des Jahrzehnts nochmals zeigte und die Schüler sie nochmals – verkürzt – erklärten.

Die QR-Codes konnten aufgrund des Zeitmangels in den Stunden nur selten gescannt und so genutzt werden. Einige erzählten aber, dass sie zu Hause mal reingeschaut hätten, die Pause oder die Heimfahrt dafür nutzten. Genauso verhielt es sich im Übrigen mit dem mbook: Ich nutzte es als weitere Informationsquelle und die Schüler zur Nachlese.

Zusammenhänge erkennen

In der allerletzten Stunde, als alle Karten hingen, versuchten wir abermals Zusammenhänge herzustellen. Hier war die Diskussion eigentlich am besten, da nun das meiste Wissen vorlag. Auch wenn wir einige Zusammenhänge nicht mehr auf die Papierform brachten, konnten wir dennoch viele Ideen nennen.

Ein weiterer Vorteil lag sicherlich auch darin, dass fast alle in der Klasse an dem freiwilligen “Filmnachmittag” teilgenommen hatten. Sie konnte sich zwischen Thirteen Days, Der Baader-Meinhof-Komplex und Das Leben der Anderen entscheiden. Obwohl sie wussten, wie lange er dauerte, haben sie sich für Baader-Meinhof entschieden. Mit mehreren kleinen Pausen zur Klärung und Diskussion (auch um den “Wahrheitsgehalt” im Film) konnten sie dadurch die gezeigte Zeit recht gut einschätzen.

Ein Zufall in der letzten Stunde rundete das Ganze noch ab: Der Politiklehrer der Klasse kam mit dazu – eigentlich, weil er etwas Organisatorisches klären wollte – und wurde von uns direkt mit eingebunden, sodass auch er einen Zusammenhang aus, naja, Zeitzeugen-Sicht beisteuern sollte. Interessanterweise entschied er sich für die Rolle des Papstes für den Ostblock, insbesondere für Polen…

Fazit

Als unser Gesamtwerk fertig war und es keine Fragen oder Dinge zu diskutieren mehr gab, fragte ich nach dem Resultat des Experiments. Die Einschätzung war durchaus positiv. Sie hoben die Bilder als ansprechend und einprägsam hervor und beurteilten auch diese frontalere Form des Unterrichts als sehr positiv. Sie dankten mir sogar für die Mühe, die ich mir gemacht habe. (Meine Schäfchen halt.)

Was sie außerdem besonders interessant fanden, war zum einen der Tweet, den ich für die Iranisch/Islamische Revolution nutzte sowie die zufällige Team-Teaching-Phase mit dem Politiklehrer.

Der Tweet hatte etwas Direktes, sagten sie, einen Draht zur realen Außenwelt und den Beweis, dass Geschichte Leute auch in der Gegenwart beeinflusst (ich hatte vorher um Erlaubnis für die Nutzung des Tweets und der darin enthaltenen Bilder gefragt; außerdem sendete ich Armin ein Bild von der Situation, wie sein Tweet im Klassenraum genutzt wurde).

Das tolle Ergänzen aus Sicht des Politiklehrers und mir als Geschichtslehrerin sollte ihrer Meinung nach viel öfter genutzt werden, da jeder so seine eigenen Schwerpunkte setzen kann und sie, die Schüler, am Ende viel mehr lernen.

Auch mir hat es nicht nur Spaß gemacht, sondern vor allem auch gezeigt wie wichtig es ist, diese Zusammenhänge zu schaffen. Viel zu oft stehen im Geschichtsunterricht thematische Häppchen im Vordergrund, die für die Schüler überhaupt keine Verbindung untereinander haben.

Mit diesem geglückten Experiment im Hinterkopf plane ich gerade auch meine Unterrichtsreihen für Geschichte in Klasse 7. Was alles parallel passiert ist, war selbst mir bis dahin gar nicht so bewusst!

 

4 Kommentare

  1. Habe gerade eine Freistunde und lese mir diesen Beitrag durch – dieses sind die Texte, die Mut machen und wo man richtig merkt, wie viel Spaß das Unterrichten machen kann. Toller Unterricht 😊!

  2. Hi Nina,
    so richtig verstanden habe ich den Aufbau der Stunden mittels Fotos noch nicht – wo tauchen diese am Schluss wieder auf? Und wie sieht die Pinnwand am Ende aus?
    Das, was ich in meinem Unterricht auch imer wieder versuche, ist die Anbindung an die eigene Person. Stichwort NACHHALTIGKEIT, könnte man so sagen. Was also hat X zu wissen für den Schüler für einen Sinn und was kann er nun mit dem Wissen machen?
    Ich habe Ideen mit Blogs und Quizzes, Spielen und Gedankenbüchern und doch … die ZEIT. Das größte Problem der Schule ist nicht einmal, dass die Lebenswelt der jungen Menschen in Fächer zersetzt wird (und damit so kleine Minieinheiten für jedes Fach vorgesehen sind), sondern dass die großen Zusammenhänge für einen jeden von uns – und das noch nach Interessenslage – aus dem Blick verloren werden. Dazu kommt noch dieser Unfug mit den engen Lehrplänen gefüllt mit Vor- und Vorvorgestern. In Deutsch ist das nicht weniger unschön als in Geschichte.
    Mein Lieblingsfach: Philosopie wird inhaltlich so ausgestopft, dass das Denken dabei zu kurz kommt. Und an unserer Schule ist es kein abi-relevantes Fach. Welch ein Aufatmen im Kopf. Ich kann mich wirklich mit den Themen der Jugendlichen mal so richtig philosophisch gefüttert beschäftigen. Die Enge dabei kommt durch die Hintertür: Die Unterrichtsinhalte müssen bis ins Detail auf der Homepage den Eltern zugänglich sein. Das Korsett ist dann mit dem Etiquette „Widerspruch“ versehen, wenn die Noten dann nicht im Sonnenlicht erstrahlen.

    Wenn wir nicht solch eine Angst vor dem unkontrollierten Lernen hätten, könnte Schule ein Paradies für Lerner werden.
    Bist du beim Educamp wieder dabei?
    CU
    Scarlett

    1. Hallo Scarlett!

      Nun, die Fotos werden per Beamer gezeigt, besprochen, dann sowohl in größerer Form auf das „Pinboard“ an der Wand gepinnt sowie in kleinerer Form auf das A3-Blatt der Schüler geklebt. Dann ziehen sie Verbindungen zwischen den Ereignissen.

      Zwischendurch haben sie die Möglichkeit, die weiterführenden Materialien über QR-Codes zu scannen und anzusehen.
      Hoffe, das hilft weiter. 😉

      Ja, Zeit, Lebenswirklichkeit und „Lehrplankorsett“, wie du es nennst, passen oft nicht zusammen.

      Diesmal bin ich nicht die ganze Zeit beim EduCamp, ich plane am Samstag als Tagesgast zu kommen 🙂

      Grüße!

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