Alltagsgeschäft Korrektur – Hilfe erlaubt?

Fest steht doch: Eigentlich wollen wir alle eine gute Lehrkraft sein. Wir wollen nicht nur guten Unterricht geben, ein gutes Verhältnis zu Schülern, Eltern und Kollegen haben, sondern auch gutes Feedback geben können.

Ein großer Teil dieser Rückmeldung erfolgt vor allem in den sogenannten “Korrekturfächern” durch Klassenarbeiten und Klausuren. Daher ist das Korrigieren für die meisten Lehrer Alltagsgeschäft.

Ich glaube, dass gerade dieser Bereich des Lehrerseins nicht so viel mit Routine zu hat und das Korrigieren damit oft zum Zeitfresser wird.

Literatur zum “Wie” und “Wie man es besser machen kann” gibt es en masse: vom Praxisratgeber der Schulverlage hin zu diversen “Best Practice”-Beispielen im Internet (die “neuesten” fünf Tipps habe ich bei scook, der Online-Plattform von Cornelsen, gefunden: hier klicken).

Seit neuestem gibt es aber auch etwas ganz Anderes: Lehramtsstudenten, die “den Job übernehmen”. Das (noch) kleine Unternehmen ist (natürlich) in den USA, in Chicago, und nennt sich “The Graide Network.”

Sehr kurz zusammengefasst funktioniert das so: Man bucht als Lehrer ein “Stundenpaket” (ca. 10$ pro Stunde), stellt seine Korrekturaufgabe online (z.B. Englischaufsatz über Menschenrechte) und setzt bei Bedarf Schwerpunkte fest (z.B. Fokus auf Aufsatzstruktur). The Graide Network sucht dann einen geeigneten “Graider”, der Lehrer lädt die Schülerarbeiten hoch (z.B. als Scan) und bekommt den Klassensatz 3-4 Tage später korrigiert und mit individuellem Feedback zurück.

Vor zwei Tagen hatte ich per Google Hangout ein Gespräch mit einer der Gründerinnen von  The Graide Network, Liz Nell, die mir das Vorgehen nochmals persönlich erklärte und mich von der Idee begeisterte. So konnte ich schon klären: Möglich ist es, dass man auch in Deutschland das Network nutzt.

Nun stellen sich mir aber die Grundsatzfragen: darf ich das? Oder besser formuliert: darf ich als verbeamteter Lehrer in Deutschland eine “Delegation meiner Lehrerleistung” durchführen? Will ich das? Wie reagieren die Schüler darauf, wie die Eltern?

Ich fange mal mit den positiven Aspekten an, die mir auf Anhieb einfallen:

  • für mich als Lehrkraft:
    • ich würde enorm entlastet! Reguläre Klassenarbeiten und Klausuren würde ich nicht einsenden, aber jede größere schriftliche Aufgabe, wie eben den oben genannten Englisch-Aufsatz
    • in der Zeit, in der ich eben nicht korrigiere, könnte ich mich auf wichtigere Dinge konzentrieren, mehr auf die Schüler eingehen und intensiveren Unterricht vorbereiten und durchführen
  • für die Schüler:
    • sie bekommen ihre Aufgaben (viel) schneller zurück: für einen Klassensatz mit individuellem und ausführlichem Feedback brauche ich mehr als 3-4 Tage #individuelleFörderung
    • ihre Aufgaben werden von einem Muttersprachler korrigiert – braucht dieser Vorteil weitere Erklärung? 😉

Mögliche negative Aspekte – da muss ich länger überlegen:

  • sind die Bewertungen gut (genug) und mit meiner Bewertung vereinbar?
  • ist das Einscannen der Schülerarbeiten mit dem deutschen Datenschutz vereinbar?
  • würden die Eltern das Vorgehen verstehen oder eher denken, der Lehrer ist zu faul um selbst zu korrigieren? #Vorurteile
  • lohnt sich die Investition?

 

Folgende ideale Vorgehensweise habe ich also geplant, wenn/sobald ich mich bei den Grundsatzfragen entschieden habe:

  1. Gespräch mit der Schulleitung
    • Vorteile darlegen
    • Datenschutz klären (z.B. Namen schwärzen, Zahlen stattdessen vergeben)
    • mögliche Finanzierung besprechen
  2. Vorstellung in der Fachschaft Englisch
    • Information
    • Mitstreiter “rekrutieren”
  3. Rückmeldung an The Graide Network
    • Anlegen eines Schulprofils
    • Klärung der Finanzen, z.B. Preisstaffelung bei vielen Lehrkräften
  4. Rückmeldung an und Absprache mit Eltern und Schülern

 

Was meinen denn die anderen Lehrer in Deutschland? 😃

 

Photo credit: https://pixabay.com/de/korrektur-papiere-englischlehrer-1351629/

 

16 Kommentare

  1. Korrigieren ist sicher keine meiner Lieblingsbeschäftigungen (damit haue ich mir gerade die Pfingstferien um die Ohren), aber ich kenne meine Schüler. Ich möchte ihre Entwicklung, ihre typischen Fehler, ihre Gedanken doch selber sehen und lesen, um ein besseres Bild von ihnen zu bekommen und meinen Unterricht ggf. entsprechend darauf abzustimmen. Wenn ich selber korrigiere, merke ich schnell, wenn ich irgendwas im Unterricht anscheinend nicht verständlich machen konnte (weil alle den gleichen Mist schreiben).
    Korrigieren bedeutet für mich auch, dass ich kleine Kommentare und Aufmunterungen (wenn es nur ein Smiley ist) an den Rand schreiben kann, die im Unterricht vor allen vielleicht nicht passen würden oder zu persönlich sind.
    In jedem Beruf gibt es Tätigkeiten, die dazu gehören, aber nicht wirklich ungehindertes Vergnügen darstellen. Für mich als Lehrer sind es Korrekturen. So what.

    1. Ich kann dir in vielen Dingen zustimmen, Wolfgang! Deshalb schrieb ich auch, dass ich die regulären Klassenarbeiten auf keinen Fall einreichen würde. Außerdem würde ich die korrigierten Aufsätze ja weiterhin lesen und sie nicht ohne sie gesehen zu haben wieder zurückgeben.

      Für mich bleibt weiterhin die Frage, ob ich durch diese kleine Entlastung nicht mehr für die Schüler tun könnte.

  2. Damit die Leute vom Graide Network die Arbeiten korrigieren können, benötigen sie einen Erwartungshorizont oder einen Maßstab, der von dir vorher möglichst klar und umfassend erstellt werden muss. Wenn ich korrigiere, arbeite ich mir den Erwartungshorizont längst nicht so ausführlich und umfassend aus, wie es vermutlich für einen ‘fremden Korrektor erforderlich wäre. Bleibt dann bei einer Kosten-Nutzen-Abwägung noch viel übrig? Und was ist, wenn kreative, unvorhergesehene Antworten kommen, die ich im Vorfeld nicht erwartet habe, die ich aber trotzdem positiv bewerten möchte? Es sind einfach viele Variablen, die in eine Bewertung einfließen.
    Mich würde auch eher die Vorstellung mancher Eltern abschrecken, deren Kinder evtl. schlechte Noten bekommen. Daran kann dann ja nur dieses Benotungssystem schuld sein, never ever die evtl. gering ausgeprägte Leistungswilligkeit oder -fähigkeit ihrer Kinder…
    Die rechtlichen Aspekte sind nochmal eine ganz andere Baustelle. Angesichts der ‘Risikobereitschaft’ der Kultusverwaltung meines Bundeslands würde ich die Chancen auch nur auf eine wohlwollende Prüfung mit etwa null Prozent einschätzen. Und die Finanzierung? Das würde schnell ziemlich ins Geld gehen, oder sehe ich das falsch?
    Du kannst ja mal einen anonymisierten Versuch starten, um zu schauen, wie hoch Aufwand und verwertbarer Nutzen sind, und ob das Graide-Network-Ergebnis mit deiner Korrektur übereinstimmt. Wenn du das Ganze dann immer noch für gut hältst, kannst du ja die von dir beschriebenen weiteren Schritte in Angriff nehmen.

  3. Das ist ja der Traum eines jeden Korrekturfachlehrers. An meinem Tisch spinnen wir manchmal herum, wie toll das wäre, Korrekturen einfach outzusourcen. Ein solches Verfahren würde unglaublich entlasten, doch gibt es pädagogische Gründe, die dafür sprechen? Ich sehe keine, und Wolfgang spricht ja schon die wesentlichen Punkte an: Fehlt dann nicht ein Sensor für die schriftliche Leistung der Schüler? Oft ist ja die schriftliche Arbeit die einzige ausführliche und konkrete Rückmeldung, die ich von den Schülern habe und anhand der ich dann feststellen kann, an welcher Stelle noch nachgearbeitet werden muss oder ob es vielleicht nur in bestimmten Teilbereichen hapert. Dafür brauche ich dann aber auch eine Serie an Arbeiten, um festzustellen, dass Schülerin XY zwar die Grammatik 1A beherrscht, aber Schwierigkeiten hat, schriftlich zu formulieren.

    (Und btw: Tolle Beiträge schreibst du hier!)

    1. Gegenfrage (die ich mir auch stelle): reichen die regulären Klassenarbeiten dafür nicht aus? Wie gesagt, ich würde ja “nur” die Aufsätze u.ä. einsenden, die nebenbei anfallen…

  4. Sehr geehrte Frau Toller,
    wie wäre es, wenn man neben dem Korrigieren auch das Erstellen der Arbeiten von anderen machen läßt. Oder warum nicht gleich den ganzen Unterricht outsourcen.

    Ich als Unternehmer aus einem völlig anderen Gebiet kann sie nur warnen.
    Mit dem Outsourcen treten sie eine unaufhaltsame Lawine los.
    Ihr Dienstherr könnte auf die Idee kommen, dass man gewisse Leistungen kostengünstig weitergbt und die freiwerdenden Ressourcen (also ihre Arbeitskraft) kürzt bzw. anderweitig einsetzt.
    Und das wollen weder Sie – noch ihre Schüler.

    Mit besten Grüßen

    1. Herr Werdmann (ich hoffe, das ist Ihr Name),

      ich bedanke mich für Ihre Einschätzung zum Outsourcing aus Unternehmersicht.

      Ich habe allerdings das Gefühl, dass Sie entweder meinen Artikel nicht vollständig gelesen oder aber übersehen haben, dass ich vornehmlich eine Diskussion anregen wollte.

      Wie ich am Anfang schreibe, möchte ich reguläre Klassenarbeiten und Klausuren nicht einschicken. Daher kann ich Ihnen selbstverständlich auch nicht zustimmen, wenn Sie etwas überspitzt formulieren, ob man “nicht gleich den ganzen Unterricht outsourcen” sollte. 😉

      Freundliche Grüße
      Nina Toller

  5. Hallo Nina,
    sind die Fragen die du dir stellst reine Überlegungen die du in den Raum stellst oder tatsächlich ein Sachverhalt den du dir selbst nicht erklären kannst?
    Ich möchte nicht unhöflich klingen, aber nach all den Dingen die du im Beamtenrecht und über den Datenschutz gelernt hast, sollte es doch schnell zu beantworten sein, dass es in Deutschland unmöglich ist die Korrekturen fremd zu vergeben.
    Ich bin selbst kein Lehrer, meine Freundin ist Lehrerin und ich weiß wieviel Aufwand außerhalb der Schule in diesem Beruf anfällt.
    Ich kann den Wunsch also menschlich durchaus nachvollziehen, aber das wars dann auch schon.
    Du fragst dich wie die Finanzierung zu stemmen sei?
    Gar nicht ist wahrscheinlich die treffendste Antwort. jetzt kommt wahrscheinlich der Unternehmensberater in mir raus, der sich hierbei eben dem Sachverhalt stellt, dass du für deine Aufgaben entlohnt wirst. Im Lehrerberuf schließt das die Arbeit zuhause mit ein.
    Es wäre ja geradezu lächerlich sich für einen Job zu entscheiden, die Entlohnung als gegeben anzusehen und die unliebsamen Arbeiten für weiteres Geld an jemand anderen zu vergeben.
    Was würdest du denken, wenn ich als Unternehmensberater 8000€ für einen Auftrag bekomme, bei dem Gegenstand ist dein Geschäft zu optimieren. Ich komme aber gar nicht zu dir, sondern schicke einen Schüler den ich übers Internet gebucht habe.
    Er sendet mir Fotos von der Produktion zu, und ich schreibe dir einen Stellungnahme was du tun kannst. Zudem sende ich dir eine weitere Rechnung über 50€ für 5 Stunden des Schülers.
    Ich kann mich über die Idee ehrlich gesagt nur wundern.

    Als Berater würde ich, gesetzt dem Fall es wäre rechtlich machbar, dann ja eher folgendes Modell empfehlen:
    – Weniger Lehrer einstellen
    – Klassen weiter zusammenlegen
    – Vergütung der Lehrer reduzieren. Umstellen auf eine Stundenweise Vergütung entsprechend dem Deputat.

    Die gesparten Mittel kann man dann einsetzen um die Korrektur günstig von einer dritten Partei durchführen zu lassen.

    Das sollte ja nicht im Interesse von euch sein.

    Viele Grüße
    Andreas

    1. Lieber Andreas,

      vielen Dank für deinen Kommentar!

      Insgesamt sind die angesprochenen Punkte – wie bereits im Blogartikel erwähnt – “Grundsatzfragen“, daher auch die Frage “Will ich das?”.

      Ich halte die Idee des Graide Network weiterhin für spannend, ebenso die Diskussion unter Lehrkräften und nun, dank des Spiegel-Artikels, auch die Reaktionen der “Nicht-Lehrer” 😉

      Der gute Unterricht und die Interaktion mit den Schülern steht bei mir ganz klar im Vordergrund, daher muss ich deinen theoretischen Vorschlag als Berater selbstverständlich strikt ablehnen! Das gezeichnete Modell wäre nicht Sinn der Sache, die hinter der eigentlichen Diskussion steht, nämlich: Optimierung des Unterrichts.

      Viele Grüße
      Nina Toller

  6. Hallo,

    ich frage mich, ob es denn unterm Strich wirklich eine große Entlastung ist. Die Arbeiten muss man erstmal alle scannen (und dabei hoffen das der Stift der Schüler nicht kurz davor war den Geist aufzugeben und deshalb kaum lesbar ist.). Dann bekommt man die korrigierten Arbeiten zurück und muss sie selber nochmal lesen um mit der Korrektur vertraut zu werden und zu sehen ob das den eigenen Prioritäten entspricht. Alles ausdrucken (geht dann auch ins Geld), alles eventuell auf die Originale der Schüler übertragen, oder zusammen tackern….
    Kann man mal ausprobieren, hört sich für mich aber umständlicher an. Ganz zu schweigen vom Datenschutz und nicht unerheblichen Kosten.

    1. Lieber Jochen,

      auch dir Danke für deinen Kommentar!

      Der Aufwand mit dem amerikanischen Unternehmen zusammenzuarbeiten ist bei handschriftlichen Aufsätzen/Hausaufgaben wirklich enorm. Deshalb denke auch ich, dass diese Form nicht praktikabel wäre.

      Die Idee hinter der “Korrekturhilfe” finde ich, wie bei meiner vorherigen Antwort schon erwähnt, weiterhin für spannend!

      Viele Grüße
      Nina Toller

  7. Die Kultusverwaltungen und die Schulleiter, kurz das deutsche System sind extrem ängstlich gegenüber Neuerungen. “Darf man das überhaupt? Wie ist es mit dem Datenschutzbestimmungen? Und erst den Brandschutzbestimmungen?” schallt einem allenthalben entgegen (das letzte Wort war ein Witz). Ein guter Vergleich wäre auch das Thema Pausenaufsichten, Frühaufsichten, Busaufsichten, Schullandheimgbegleiter, Hohlstunden-Aufsichten etc. Auch da besteht ja enormes Outsourcing-Potenzial, was uns Lehrer unbeschreiblich entlasten und einen geordneten Berufs-Alltag erst ermöglichen würde. Ich lande dann immer bei meiner Suche nach passenden, hilfreichen Vergleichen, die uns vielleicht Lösungen aufzeigen könnten — verzeiht den Gedankensprung –, beim Gesundheitswesen, auch das ein sehr sensibles, zwischenmenschliches, indiviuell unterschiedliches, ethisches Berufsfeld, wo Datenschutz auch sehr wichtig ist (Arztgeheimnis etc.). Da machen die Kassen ja Kostendruck, und deswegen wird da ja auch outgesourct, was das Zeug hält. Die Küchen, Wäschereien, in den Krankenhäusern, die Labore für Blutwerte, das Gebäudemanagment, die Gebäude-, Möbel- und Büroausstattungen etc., die Datenverwaltung der digitalen Akten, die Sauberkeit und Sicherheit in den Gebäuden, Sektretärinnen, die den Kontakt zu den Patienten halten und die Verwaltung erledigen — weitgehend alles outgesourct. Komisch — dass in den Schulen in den letzten Jahren nur die Putzfrauen outgesourct wurden, dann war Schluss. Bei den Lehrern besteht eben aus Sicht des Dienstherrn kein Kostendruck. Die Mehr-Kosten für Mehr-Arbeit verschwinden für ihn bequem in der mehr oder wenigen langen Arbeitszeit des Lehrers, der sich nur wundern kann, aber nicht wehren.
    Zum Rechtlichen: Es ist doch ganz einfach: Der, der die Unterschrift unter die Arbeit setzt ist der Fachlehrer, der laut Schulgesetz die Verantwortung für Unterricht und Benotung trägt. Das heißt aber noch lang nicht, dass der Verantwortliche alles selber machen muss! Er muss mit größtmöglicher Wahrscheinlichkeit, so dass er es verantworten kann, sicherstellen, dass alles ordentlich läuft. So wie für den Ablauf der schriftlichen Abiturprüfungen z.B. der Schulleiter unterschreibt, dass alles ohne Betrug und gerecht abgelaufen ist. Aber das heißt nicht, dass der Schulleiter selber alle Aufsichten macht und alle Arbeiten nochmal durchliest!! Er hat die Aufsichtspflicht. Stichprobenartig prüft er nach. Bei starken Auffälligkeiten greift er ein. Und genauso ist es rechtlich mit Korrekturen und Aufsichten. Natürlich darf, auch rechtlich gesehen, ein Lehrer seine Klassenarbeiten von vertrauensvollen, qualifizierten Personen korrigieren lassen, solange die Amtsverschwiegenheit so sicher gewährleistet ist, dass er es verantworten kann. Natürlich muss er die Arbeiten nochmal überfliegen, Stichproben nehmen, besonders gute und schwierige Schüler selber korrigieren, notfalls eingreifen und nachkorrigieren. Seine Unterschrift druntersetzen darf er erst, wenn er sich einen Überblick verschafft hat. Bei Nachfragen von Eltern, wie sie einer meiner Vorredner hier erwähnt hat, darf er natürlich nicht sagen, da müssen Sie meine Korrekturfirma fragen, das war ich nicht. Denn er hat selbstverständlich nach wie vor die volle Verantwortung und muss alle Fragen beantworten können.
    Unsere gesamte Berufswelt funktioniert nach dem Prinzip, dass ein paar wenige die Verantwortung tragen, die Masse der Arbeit aber auf viele verteilt wird. Nur bei uns Lehrern wird das irgendwie verschwiegen bzw. nicht so ausgebildet. Der Gedanke ist uns ganz fremd. Mit ein Grund, warum das Schulsystem auch so am Stock geht, weil das Grundprinzip jeder größeren menschlichen Organisation, nämlich das Delegierenkönnen, praktisch kaum bekannt ist. Alle machen alles selber, und dann möglichst noch als Einzelkämpfer. Die anderen können das ja eh nicht verstehen, ist ja so komplex, so eine Unterrichtsstunde und so eine Klasse und eine Unterrichtseinheit. Bei uns am allgemeinbildenenden Gymnasium ist diese Sackgasse am weitesten beschritten!

    Aber solange wir uns wenig wehren, solange kein Kostendruck nach oben gemacht wird, solange wir unsere Arbeitszeit nicht dokumentieren und denen oben vorrechnen, solange werden wir mit vermeintlichen rechtlichen Argumenten und Bedenken vom Tisch gewischt. Aber vielleicht schafft es ja dieses amerikanische Startup, diese deutsche Hochburg der Altmodischkeit und Verkrustung aufzubrechen. So wurde ja auch unser Buchhandelssystem aufgemischt (Amazon), unsere Apotheken (doc morris), unsere Taxilobby (Uber) etc. pp. Es wird auch den Lehrerberuf erreichen. Aber Lehrern mit Korrekturfächern kann die neue Transparenz (oben war ja mehrfach von Kosten die Rede) nur helfen!

    Hab den Spiegel-Artikel gelesen und bin dadurch auf Ihre super Seite gestoßen. Tolle Diskussion hier, super Blog. Verzeiht meine Länge mal wieder.

    Meine Seite: ebiblog.net

    1. Lieber Christian,

      huch, dein Kommentar ist wirklich lang – danke für deine zahlreichen Vergleiche und Hinweise – und auch für das Lob am Schluss 😊

      Insgesamt kann ich auch dir zustimmen, dass die “Verkrustung”, wie du es nennst, aufgebrochen werden könnten. Denn gerade solche Ideen und die Diskussionen darum machen es spannend und lassen uns alle das bestehende System überdenken. Nur weil etwas schon lange so ist “wie es ist”, heißt es ja nicht, dass es nicht besser sein könnte (sagt die Geschichtslehrerin…) 😉

      Viele Grüße
      Nina Toller

  8. Hallo,

    dieser Gedanke, die Korrekturen outzusourcen, ist mir schon öfter gekommen. Ich wäre ja schon dankbar, wenn nur die formalen Fehler von jemand anders übernommen würden: Rechtschreibung, Zeichensetzung, Satzbau. Das es Menschen nicht geheuer ist, wenn auch der Inhalt von Fremden korrigiert wird, ist verständlich. Diese Arbeit könnte (und sollte) man sich noch machen. Rechtlich dürfte das bei formalen Fehlern doch kein Problem sein: Fehler ist Fehler, egal wer korrigiert. Auch bei Klassenarbeiten müssten solche “sekundären” Korrekturen ausgelagert werden können. Wichtig wäre, dass ich den Korrektor vorher spreche oder noch besser regelmäßig mit ihm zusammenarbeite. So wird sichergestellt, dass meine persönlichen “Ansprüche” an die Korrektur einfließen (z.B. bestimmte Kürzel usw.). Ein externer, spezialisierter Mitarbeiter könnte auch noch eine sehr hilfreiche Sache machen, die im Alltag kaum zu leisten ist: Er könnte (ggf. nur für ausgewälte Schüler) Fehlerprofile erstellen und zu einem oder zwei Fehlerschwerpunkten Übungsmaterial mitliefern. Das wäre mal ein Service…

    Ich mache mir im übrigen aktuell Gedanken, wie man die inhaltliche Kommentierung (insbesondere von Aufsätzen, die keine Klassenarbeit sind) mit einer Spracherkennungssoftware effizienter und trotzdem vielleicht auch tiefgründiger erledigen kann. Dazu müssten die Schüler ihren Text mit Zeilenangaben versehen, auf die ich mich dann beim Kommentieren beziehen kann. Dann lese ich den Text leise (aber mit eingeschaltetem Mikro). Sollte mir etwas auffallen, diktiere ich die Zeile und meine Gedanken dazu. Am Ende wird alles nur noch ausgedruckt und auf die Schülerarbeiten verteilt / geklebt / geheftet.

    Für die Unterrichtsqualität ist die Effizienz und Quantität der Korrekturen auf jeden Fall ein entscheidender Faktor. Ich stelle mal die These auf: Wenn die Korrekturen weniger Zeit fressen würden, würde die Qualität der Bildung in Deutschland deutlich steigen. (Vielleicht nicht überall, aber die meisten Lehrer würden die freiwerdenden Kapazitäten sinnvoll und im Sinne der Schüler zu nutzen wissen. Dann können viel öfter das tun, wofür sie mehr pädagogische oder didaktische Leidenschaft haben als stumpf vor drittklassigen Texten zu sitzen – z.B. den Schülern zu helfen, bessere Texte zu schreiben. Und auch wenn es einfach nur weniger Arbeit bedeuten würde: Schüler profitieren von entspannten und leiden unter gestressten Lehrern. Und so auch das Gesundheitssystem.

Hinterlasse einen Kommentar:

%d Bloggern gefällt das: