Passt gut zusammen: Bewegter Unterricht und BYOD

Kürzlich war mal wieder einer dieser Tage: Erste Schulstunde, müde Achtklässler und der Geschichtsunterricht. Ich bin einer der Lehrer, die es stört, wenn kaum jemand aktiv mitmacht. Die Schüler lernen nichts und mir wird dann in meinem eigenen Unterricht langweilig! 🤓

Kurzerhand habe ich die Schüler also „gepackt“ und vor die Tür gescheucht. Die Morgensonne schien und wir standen auf dem Tartanfeld – perfekte Voraussetzungen.

„Zumba He, Zumba Ha“

Den Schülern war klar, was sie nun erwartet, da ihre Lehrerin auch die Zumba®-AG leitet. Ein bisschen Marschieren, Hüpfen, Strecken und Dehnen zum Wachwerden – aus Rücksicht auf die anderen Klassen jedoch (leider) ohne Musik. Und jeder musste mal in der ersten Reihe stehen.

Nach ein paar Minuten waren wir wieder im Klassenraum. Und, siehe da! Plötzlich war die Industrialisierung Englands sehr interessant für alle Anwesenden. 😃

Bewegung als pädagogisches Konzept  

Dieser kleine „bewegte Einschub“ und die Wirkung davon beschäftigte mich den ganzen Tag. Unwillkürlich kam mir Juvenals Ausdruck des „mens sana in corpore sano“ ins Gedächtnis.

In Bayern führte man kürzlich sogar ein ganz auf Bewegung abzielendes pädagogisches Gesamtkonzept ein: Die Schulen arbeiten mit Tanzpädagogen zusammen und haben das Ziel, „mit Bewegung den Kindern das Lernen zu erleichtern, damit sie Spaß in der Schule haben und gute Noten schreiben.“ Die Idee finde ich als Tanzbegeisterte natürlich toll, weiß aber nicht, ob die Umsetzung sich zu weit vom regulären Unterricht entfernt. Dennoch sehen Lehrer und Direktor große Unterschiede im Verhalten zwischen den Schülern der Tanz- und der Regelklasse. Sie seien „disziplinierter und weniger zappelig, selbstbewusster, entspannter und gingen gerne in die Schule“. (hier findet man den ganzen Artikel).

Bewegung führt zu mehr Ruhe

Was auf den ersten Blick widersprüchlich klingt, ergibt aber tatsächlich Sinn:  In „unserem Zeitalter“, gemeint ist die Schnellebigkeit, mit all den Reizüberflutungen durch Fernsehen, Videospiele und digitale Geräte verliert man schnell die Ausgeglichenheit. Viele kennen bestimmt das gute Gefühl, wenn man sich z.B. nach einem langen Arbeitstag sportlich betätigt und dann wieder Energie für die noch anstehenden Aufgaben hat. Was wäre nun, wenn man die Bewegung und die digitalen Medien verbindet?

Verbindung von Bewegung und Digitalem

Die Idee kommt aus Finnland. Juha Villanen hat dort das Programm „Muuvit“ ins Leben gerufen und mittlerweile auch nach Deutschland gebracht. Seine Begründung:

„Hintergrund ist, dass immer mehr Kinder einen inaktiven Lebensstil führen. Dadurch resultieren Probleme wie Übergewicht und Diabetes, in Finnland genauso wie in Deutschland. […] Muuvit steht für bewegungsorientierten Unterricht, für fächerübergreifenden Unterricht und für Spaß am Lernen. Diese sollen die Motivation und Zusammenhalt in der Klassen steigern und den Kindern natürlich Spaß machen. Zudem haben Studien gezeigt, dass Kinder, die sich bewegen, auch bessere Noten haben. Die schulische Leistung steigt.“

Das Ganze läuft digital bzw. virtuell ab. „Mit Muuvit können die Kinder virtuelle Kilometer für Aktivität sammeln, mit denen sie eine Reise durch Europa unternehmen können. Auf dieser digitalen Reise treffen sie auf Bildungsherausforderungen. Das soll den Lehrern helfen und die Kinder motivieren.“ (hier findet man den ganzen Artikel)

Diese Idee fand ich so gut, dass ich mir direkt ein Lehrerkonto auf der Muuvit-Seite eingerichtet habe, sodass ich auf die diversen Inhalte zugreifen und alles ausprobieren kann. Gleichzeitig bekommt man Materialien für die Klasse per Post – in Papierform – zugeschickt. Nun kam das Paket mit all den Materialien an:

Nach Durchlesen aller Materialien fällt mir aber auf, dass es komplizierter ist als gedacht. Die Idee ist vielversprechend, an der Umsetzung und der Einbindung in den Unterricht hapert es allerdings noch. Mir ist nicht ganz klar, wie ich das Digitale mit dem Analogen verbinden soll. Vielleicht werde ich Kontakt zu der genannten Grundschule aufnehmen, die das Programm an der Schule eingeführt hat.

Bewegter Unterricht „light“

Aber es muss ja nicht gleich eine Tanzklasse oder ein Internet-Programm sein. Dennoch sollte viel mehr Bewegung in den Unterricht eingebaut werden. Die Schüler sitzen wirklich zu viel, verbringen wahrscheinlich die Pause in der Cafeteria statt draußen und haben wegen Lehrermangels sehr viel weniger Schulsport pro Woche. Dabei zeigen auch Hirnstudien, dass sich Bewegung vor allem vor Prüfungen vorteilhaft auswirkt:

 

(Zur weiteren Information gibt es hier einen guten und ausführlichen Bericht zu „Brain-Based Learning“ von Marcus Conyers und Donna Wilson, die das „Brain-Based Teaching“ Programm an der Nova Southeastern Universtiy entwickelt haben)

Recht einfach und unkompliziert kommt Bewegung mit dem BYOD-Konzept in den Unterricht. Folgende Situationen kann ich mir vorstellen bzw. habe ich ausprobiert:

  • Schatzsuche/Schnitzeljagd mit QR-Codes
  • Grammatik zur Veranschaulichung mit Schülern als Standbild darstellen
    → zB die „Satzgliedfunktionen“ und Zeitverhältnisse (beim AcI)
    (im Folgeartikel zu den Tanzklassen erfährt man, dass Grammatik sogar als kleine Choreographie ausgearbeitet wird)
  • Abstände, Flächen usw. in Mathematik ablaufen, mit dem Handy fotografieren und anhand der Bilder berechnen
  • Schulgarten in Biologie mehr nutzen, z.B. durch Referate „vor Ort“

Wer noch mehr konkrete Ideen hat, die sich leicht umsetzen lassen, nutzt bitte die Kommentarfunktion! 👍🏻

Lehrerfrage: Wie sichere ich die Ergebnisse?

Um zu überprüfen, wie und dass die Schüler die Aufgaben bearbeiten, könnten sie ein Video von ihren Lösungswegen drehen und dieses dem Lehrer später zeigen/senden.

Jacob Chammon, Schulleiter in Berlin, den ich 2015 bei dem Lehrerkongress #excitingedu in Berlin kennengelernt habe, lässt die Schüler Textnachrichten an ihn mit der jeweiligen Lösung senden. So weiß er jedes Mal, welche Aufgabe die Schüler gerade erledigen und auch, wo sie sich gerade auf dem Schulgelände befinden. Diese Art der Überprüfung habe ich selbst noch nicht ausprobiert, könnte ich mir aber durchaus vorstellen.

Meine guten Vorsätze

Bei der Planung meiner Unterrichtsreihen versuche ich nun in der ein oder anderen Stunde etwas Bewegung unterzubringen. Ob diese nun im Klassenraum oder sogar draußen stattfindet, ist erst einmal egal. Hauptsache ist, die Schüler kommen von ihren Stühlen.

Ich werde außerdem versuchen, vielen Kollegen von meiner Idee zu erzählen und sie vielleicht auch davon zu überzeugen. Mein Ziel ist es aber NICHT, dass nun kaum eine Schulstunde mehr im Sitzen verbracht wird. Diese Entwicklung wäre ja wieder das andere Extrem.

 

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Photo credit: DTTSF Death_to_stock_photography_Vibrant (10 of 10), http://deathtothestockphoto.com 

3 Kommentare

  1. Hallo Nina,
    Vieles von dem, was du da beschreibst (QR-Codes, GPS-basiert, Videos als Rückmeldung, Punkte für gute Ergebnisse), aber noch mehr (Multiplechoice-Aufgabe, Audiointegration, …) bietet in NRW die Biparcours-App – alle anderen können das zugrundeliegende Actionbound nutzen. Ich bin momentan dabei einige Parcours zu erstellen (z.B. in Kooperation mit dem Archiv). Aber auch kleiner Unterrichtsprojekte auf dem Schulhof lassen sich damit leicht verwirklichen. Probier’s mal aus!

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