Lehrer sind faule Säcke – auch heute noch?

Vor ein paar Tagen veröffentlichte der SchulSPIEGEL einen Artikel, der eine richtige Kommentarflut auslöste.

Zum Hintergrund: kurz nachdem ich meinen Blogbeitrag zum “Graide Network” und dem möglichen “Outsourcing” von Klassenarbeiten veröffentlicht hatte, wollte die Spiegel-Redaktion ihn als Gastbeitrag auf Spiegel ONLINE veröffentlichen. Kurz vor Veröffentlichung entschlossen sie sich aber einen Fließtext schreiben, sodass auch die KMK zu Wort kommen könne.

Die Darstellung der Idee des Graide Network und meiner als Interview “getarnten” Aussagen ist weitestgehend in Ordnung. Was mich aber überraschte oder sogar manchmal schockierte, waren die Reaktionen zum Artikel.

Ich möchte mir der Überschrift anfangen, die sich im Laufe des Vormittags änderte:

07:14 Uhr | Service für Lehrer: Klassenarbeiten korrigieren? Lieber outsourcen!

Vielleicht waren die Kommentare zu der Zeit zu scharf, jedenfalls konnte man kurze Zeit später etwas ganz anderes lesen:

10:31 Uhr | Geschäftsidee: Studenten korrigieren für Lehrer Klassenarbeiten

Zwei der Top-Negativkommentare waren diese:

Bildschirmfoto 2016-06-04 um 21.13.18Bildschirmfoto 2016-06-04 um 21.21.09

Natürlich gab es auch viele Kommentare von Personen, die den Lehreralltag ein bisschen mehr kennen. Stellvertretend möchte ich hier den Kommentar von “promoexxl” nennen, der sich auch direkt auf “Spitzensteuerzahler” bezieht:

Bildschirmfoto 2016-06-04 um 21.24.41

Auch dieser Kommentar ist an manchen Stellen etwas überspitzt formuliert. Doch dieses hohe Maß an Unterschätzen, auf das hingewiesen wird, und, wie es manchmal auch genannt wurde, Geringschätzen des Lehrerberufs hätte ich im Jahr 2016 nicht mehr erwartet. Vielleicht bin ich da zu naiv oder einfach in einer glücklichen Lage.

Die Frage, die sich mir nun stellt ist folgende: Sollte man dieses gesellschaftliche Lehrerbild nicht (mal) richtigstellen? Ich stelle mir nun keinen Imagefilm der KMK oder etwa einer bundesweiten Lehrergewerkschaft  oder so etwas vor 😄 Aber: es könnte nicht schaden, wenn auch die Berufsbedingungen transparenter gemacht würden!

Meint ihr, das würde etwas bringen oder ist es vergebene Müh und man muss diese Einstellung vieler Leute einfach “hinnehmen”?

 

Photo: http://www.wpclipart.com/education/teacher/classroom.png.html

11 Kommentare

  1. Den Lehrerberuf transparenter machen, genau so geht es, Nina Toller! Allein wie stellt man das an? Nachdem ich seit Jahren an diesem Thema dran bin — unter anderem eine Zeit lang als Personalrat mit dem Spezialgebiet “Lehrerarbeitszeit” –, bin ich ähnlich verzweifelt wie Du und zitiere Deine Einleitungsworte auf diesem Blog:
    “Doch immer wieder, vor allem auch noch immer wieder im Jahr 2016 (!), fühle ich mich oft als Alleinkämpfer auf dem [Schlachtfeld Transparenz im Lehrerberuf].
    Daher öffne ich meine Gedanken nun den großen Weiten des Netzes – hier gibt es einige Gleichgesinnte und man fühlt sich nicht mehr so allein. Vielleicht kann man sogar etwas bewirken – auch wenn sich das nun eher doch nach den altbekannten Musketieren anhört😀
    Ich wünsche viel Unterhaltung und ab und an vielleicht auch mal ein gemeinsames Augenrollen – das gehört nämlich mittlerweile zu meinen Lieblingsreaktionen.
    Der Kampf – äh, BLOG – ist eröffnet!”
    Der einzig Weg geht m.E. so, wie er im Gesundheitsbereich seit 30,40 Jahren beschritten wird (die übertreiben es allerdings), genaue Dokumentation der Lehrerarbeitszeiten und vielleicht auch noch der Lehrertätigkeiten! Bei den Ärzen hieß es damals auch anfangs “Das bringt doch nichts!” “Unsere hoch komplexe Arbeit kann man doch nicht in Minuten messen!” etc. Aber als die ersten Zahlen auf dem Tisch lagen, also Transparenz hergestellt war, lenkten die Kassen schnell ein vor diesen Horrorzahlen! Und heute können die Ärzte (mein Bruder ist einer) schön jede Überstunde abfeiern oder auszahlen lassen. Und noch viel besser: Bei vermeintlich so tollen Reformen hat man nun eine Zahl: Die kosten so und so viel an Arbeitszeit, macht bei so und so viel beschäftigten Lehrern so und so viel Millionen Steuergeld. Sofort merkt man: lohnt sich die Reform? Wo könnten wir Geld herbekommen? Genau das bräuchten wir im Schulbereich!! Dafür würde ich mit Dir kämpfen, Nina!

    1. Danke für dein Angebot, Christian 🙂

      Ob sich diese genaue Dokumenten auch auf den Lehrerberuf übertragen lässt, weiß ich nicht, ich kann mir vorstellen, dass es vor allem bei den (jährlichen) Reformen schwierig wird. Eine Überlegung ist es aber allemal wert!

  2. Der Verlust des Ansehens des Lehrerberufes ist ein bereits vor langer Zeit eingeläuter Prozess. Vergleichbaren Ansehensverlust erleben Anwälte, Banker, Priester, Apotheker usw. Dabei werden oft (negative) Klischees kolportiert, die keiner Realität entsprechen oder einzelne Erfahrungen werden verallgemeinert. Und es gibt sicher auch mannigfaltige Projektionen, um eigene Unzulänglichkeiten im Beruf zu kaschieren.
    Das ist aber kein Trost, allenfalls eine Feststellung. Wie kann man dem entgegen? Transparenz ist sicherlich wichtig und redlich. Die Vorurteile entstehen aber auf der irrationalen Ebene, ähnlich wie Ängste . Was kann dort entgegenwirken? Nur das persönliche Engagement und Beispiel von Lehrern, die ihren Beruf seriös und ernsthaft ausüben.
    Ich erlaube mir jetzt zudem folgende Anmerkung, da ich seit über 15 Jahren mit und für Lehrer arbeite. Ich meine es liebevoll und verstehe die Ursprünge.
    Belastungen, Termindruck, Konflikte im Team oder mit Kunden, Überforderungssituationen gehören (leider) zum Arbeitsalltag vvieler Berufe. Zudem kommen jeweils spezifische Rahmenbedingungen, die oft Grenzen setzen und hinderlich sind. Das geht nicht nur Lehrern so, aber Lehrer ‘jammern’ auch öffentlich darüber (#korrekturtweet, #lehrerleben).
    Ebenfalls Einfluss nimmt in der öffentlichen Wahrnehmung von Lehrern eine weitverbreitete Berufsmarotte: die Besserwisserei. Beurteilen und korrigieren sind Teil des Schulalltags, aber Mitarbeiter in einer Bank, in der Autowerkstatt, beim Arzt, im Supermarkt…wollen Vertrauen von Kunden und keine Korrekturen.
    Es hat lange gebraucht, das Vertrauen und das Ansehen in den Beruf zu trüben oder zu schädigen und es wird sicher mindestens so lange dauern bis er wieder in der Gesellschaft hergestellt ist. Dieser Prozess kann positiv begünstigt werden durch Lehrerpersönlichkeiten, die engagiert und qualitativ hochwertig Arbeit leisten. Durch eine verbesserte politische Unterstützung (statt Kritik à la Gerhard Schröder, der Pauschalurteile abgab) und durch eine gute Zusammenarbeit der Schulen und Kollegien mit Schülern und Eltern, werden Vertrauen gebildet und Arbeitsprozesse transparent gemacht .
    Es gibt viele mutmachende und tolle Beispiele, wie zum Beispiel Dein Blog.

    1. Danke für deinen ausführlichen und sehr guten Kommentar – und auch das Lob ☺️ Ich sehe täglich auf twitter so viele Beispiele von “Lehrerpersönlichkeiten, die engagiert und qualitativ hochwertig Arbeit leisten”, sodass ich Hoffnung habe. Lasst uns die Gesellschaft (wieder einmal) revolutionieren 😎👍🏻 #einfachmachen

    2. Sehr guter Kommentar, gefaellt mir! Und am wichtigsten der Satz “Mit gutem Beispiel vorangehen und sein Bestes geben!” Die oeffentliche Meinung wirst du nicht aendern koennen, aber dein berufliches Umfeld registriert genau, was du sagst und tust. Und die Schueler und Eltern werden dich schon richtig einordnen, wenn du deinen Beruf ernst nimmst und moeglichst professionell ausuebst. Kein Meister faellt vom Himmel, aber Meisterschaft anstreben: Das lohnt sich wirklich und gesund bleibst du dabei auch.

  3. Ich denke, jeder der seinen Unmut gegen Lehrkräfte ausspricht ist ein Dummschwätzer. Wir leisten etwas für die Gesellschaft und teils werden ja Kinder zur Schule geschickt, die nicht ganz ohne sind. Transparenz gibt es genug, nur will da keiner hinsehen, weil sonst kann man ja nicht mehr so gut rummeckern am Lehrer. Als kleiner Literaturtipp: Uwe Schaarschmidt – Halbtagsjobber?: Psychische Gesundheit im Lehrerberuf – Analyse eines veränderungsbedürftigen Zustandes. Schaarschmidt geht da auch allgemein auf den Lehreralltag ein und beschreibt ihn. Das Werk kann ich auch gern mal zukommen lassen.

    1. Ich denke schon, dass man noch einiges bezüglich Transparenz machen könnte. Sonst würde es mE nicht so viel “dummes Geschwätz” geben.
      Mein privates Umfeld und viele tolle Beispiele, die ich durch Fortbildungen und ua Twitter kennengelernt habe, zeigen mir aber, dass es durchaus viel Wertschätzung gibt. Ich bin sehr gerne Lehrerin und mich motiviert es va, wenn die Schüler einem so viel zurück geben. Danke also für den Literaturtipp, bin “gesund” und habe Spaß 😉

  4. Ach, bei dem Kommentar von “Spitzensteuersatzzahler” muss man nach dem Nick eigentlich nicht weiterlesen. Dieser Typus ist auf SPON und vielen anderen vergleichbaren Seiten ein häufig zu findender Gast. Ich sehe da immer so einen selbst ernannten Vertreter der “Leistungselite” dieses Landes vor – vermutlich ein Typ aus dem unteren Management (Dienstwagen: Audi A4), der 70.000 im Jahr heimbringt und sich deshalb einbildet, er dürfe mit den großen Hunden pinkeln. Gern äußert dieser Typus auch seine Meinung, wenn es z.B. um Boni für Manager geht, die gerade zig Millionen Verluste eingefahren haben. Dann blökt er vorzugsweise gehirngewaschenen, neoliberalen Sch…dreck darüber, dass diese Pfeifen sich ihre horrenden Boni doch – im Gegensatz zu der ganzen linksversifften Meinungsmache – redlich verdient hätten und beendet seine Kommentare meist mit “armes Deutschland”.

    Muss man nicht weiter ernst nehmen…

  5. Am 07.06.2016 ein Interview in der SZ über die Digitalisierung im Gesundheitswesen mit dem philips-Manager Peter Vullinghs. Alles, was er über das deutsche Gesundheitssystem sagt, trifft m.E. auch auf das deutsche Bildungssystem zu. (http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/montagsinterview-datenschutz-wird-auch-als-alibi-missbraucht-1.3020588)

    Warum bloß ist vielen Funktionären im Bildungssystem Transparenz nicht recht? Ich hab da eine böse Ahnung: Sie bangen um ihre Pfründen … Und: Es wird am Anfang Geld kosten, was nicht da ist. Politische Entschlossenheit, die man dazu bräuchte, fehlt aber den überalterten Lehrer-Verbänden. Lieber pflegen sie die altgewohnten Debatten “dreigliedrig oder Gemeinschaftsschule” oder “Noten abschaffen oder strenger benoten” “G8 oder G9” etc. Das kostet weder Geld noch Mut.

Hinterlasse einen Kommentar:

%d Bloggern gefällt das: