Sponsoring in Schulen – Ist Digitalisierung nur so möglich?

Wie so oft, liegt es am Geld. Damit ein Medienkonzept umgesetzt und die Schüler ihren Medienpass “füllen” können, müssen von der Schule für den Unterricht auch die nötigen Materialien und eben digitale Medien, wie z.B. Beamer o.ä., angeschafft werden. In vielen Kommunen fehlt aber das Geld dazu: Marode Schulen müssen erst einmal saniert werden, bevor man in neue Technik investieren kann.

Generell sollte aber doch gelten, wenn der Staat von seinen staatlichen Schulen Unterricht mit digitalen Medien, eine Schule 4.0, fordert, dass er doch dann auch für die Kosten aufkommt, oder?! *

Es stellt sich daher vielen Verantwortlichen momentan die Frage: Kann man digital “von der Hand in den Mund” leben?

Unterstützung aus der Wirtschaft

Eine mögliche Lösung, zumindest aber eine Alternative, bietet die Unterstützung aus der Wirtschaft. Generell erlaubt ist diese Art Unterstützung, wenn sie “mit dem Erziehungs- und Bildungauftrag der Schule vereinbar” (§99, Schulgesetz NRW) ist.

Bezüglich der Unterstützung bei der Medienanschaffung macht es eine Schule in Oberhausen vor: Hier hat das Unternehmen Samsung die Tablets gestellt, damit die Schüler Als Geometer am Gasometer“ (so der Projektname) arbeiten können.

Noch mehr Veränderung gibt es in einer Schule in Bayern: Sie führt nach und nach Tablet-Klassen ein, nutzt einen 3D-Drucker und vieles mehr, denn “Samsung hat Equipment gesponsert“.

Doch nicht nur Kritiker und “Schlechtmacher” sehen bei dieser Art der Unterstützung schnell eine hidden agenda und werfen den Unternehmen Eigenwerbung durch Sponsoring vor. Mir stellt sich daher die Frage: Ist diese Zusammenarbeit tatsächlich “Sponsoring”?

Was ist Sponsoring?

Das Wirtschaftslexikon Gabler definiert Sponsoring wie folgt:

Im Sport, bei kulturellen Ereignissen sowie im ökologischen, sozialen und medialen Bereich werden gezielt Personen, Projekte, Institutionen und audiovisuelle Programme unterstützt sowie eigene Veranstaltungen initiiert, um Teilnehmer und Zuschauer mit Kommunikationsabsichten von Unternehmen zu konfrontieren. Durch Sponsorships werden Ereignisse, die im Fokus des öffentlichen Interesses stehen und folglich Resonanz in den Medien finden, in die Kommunikationsarbeit von Unternehmen einbezogen, um kommunikative Wirkungen zu erzielen.

Im Mittelpunkt stehen Umsatz- und Absatzziele sowie die Steigerung von Markenwerten und Marktanteilen… Von Bedeutung sind insbesondere die Steigerung des Bekanntheitsgrades von Unternehmen oder Marken…

http://wirtschaftslexikon.gabler.de/Definition/sponsoring.html

Kann also Samsung in den oben genannten Beispielen diese Ziele erreichen? Nun, die Schüler werden an das Gerät und das Betriebssystem gewöhnt, die Eltern sehen den Umgang ihrer Kinder damit und entschließen sich beim privaten Kauf so vielleicht eher für ein Samsung-Gerät. Was man kennt, ist sicherer. (Eine ähnliche Situation kennen viele bestimmt selbst aus der Schule: Wer damals einen Taschenrechner von Casio im Unterricht benutzte, wollte privat bestimmt keinen von Texas Instruments bedienen…)

Sponsoring und die Education-Sparte

Übertragen auf Lehrpersonen funktioniert das ähnlich: Wenn die Lehrer im oben genannten Beispiel aus Bayern tagtäglich in der Schule mit den Samsung-Geräten arbeiten und vielleicht sogar noch weitere (kostenlose) Extras wie spezielle Apps für ihren Unterricht bekommen, desto eher werden sie dieses Gerät auch privat bevorzugen und sogar vielleicht weiterempfehlen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die immer breiter werdende Education-Sparte. Apple, Microsoft und Google stehen auch im schulischen Bereich mehr und mehr in Konkurrenz zueinander, ohne dass es einen eindeutigen “Gewinner” bisher gibt (siehe hier: Google vs Apple vs Microsoft: Who Will Own the Education Market?) Aber um wen buhlen sie nun genau? Um die Schüler, Lehrer, Eltern – oder wollen sie tatsächlich einfach nur den Bildungsbereich revolutionieren? 😉 (Aufschlussreich in dieser Hinsicht ist auch der Artikel der Schweizer Handelszeitung, die untersucht hat, welche Firmen “Jagd auf Schweizer Schüler” machen.)

Welchen Nutzen hat Schulsponsoring für Unternehmen?

Das Schulministerium NRW hat 2010 eine Broschüre veröffentlicht, um für “Schulen, Schulträger und Unternehmen” eine Orientierung und Hilfestellung anzubieten. Die meisten Punkte sind meiner Meinung nach allerdings sehr allgemein gehalten:

Für Unternehmen ist das Schulsponsoring ertragreich und sinnvoll, um

  • die Qualität der schulischen Bildung zu verbessern
  • potenzielle Nachwuchskräfte gezielter informieren zu können und potenzielle Auszubildende kennenzulernen
  • die Vorstellungen der Firma und die Ansprüche an die Mitarbeiter deutlich zu machen
  • häufiger und positiv in der lokalen Presse erwähnt zu werden
  • ihrer gesellschaftspolitischen Verantwortung Nachdruck verleihen zu können
  • die Beziehungen zum regionalen Umfeld zu verbessern
  • Vorurteile der Wirtschaft gegenüber zu beseitigen, Unternehmen am Standort und in der Region positiv in Erscheinung treten zu lassen und dazu beizutragen
  • die Öffentlichkeitsarbeit zu intensivieren und Imagegewinn zu erreichen.
Quelle: Schulministerium NRW, “Schulsponsoring heute – Leitfaden für Schulen, Schulträger und Unternehmen”, S. 5 
Sponsoring = Lobbyismus?

Der typische Schlechtmacher Lehrer, der der “bösen Wirtschaft” gegenüber sehr kritisch eingestellt ist, sieht hier aber nicht nur eventuell “harmloses” Schulsponsoring, sondern vor allem Lobbyismus durch die Hintertür. Nach dem #edchatde-Summerspecial “Lobbyismus in Schulen” , das am 12. Juli 2016 statt fand, habe ich mir einige Aussagen meiner Twitter-Kollegen zum Thema mal genauer angesehen. Es gab nämlich durchaus einige Stimmen, die die Hilfe oder Unterstützung aus der Wirtschaft in der derzeitigen finanziellen Lage eher als (einzigen) möglichen Ausweg aus der “Digitalisierungskrise” sehen, wie etwa André Hermes:

Schon vorher haben sich einige positiv geäußert, wie zum Beispiel Urs Henning:

Eine Zusammenarbeit irgendeiner Art muss es schließlich geben, allein dann, wenn es um die Wahl der technischen Produkte, etwa der Tablet-Marke, geht. Stefan Schwarz brachte das schon auf den Punkt:

Ein Blick über den deutschen Tellerrand

Außerhalb Deutschlands sind diese School-Business Partnerships” mal wieder gar nicht so selten. Eine der bekanntesten Bildungsplattformen, Education World, veröffentliche eine ganze Reihe von Erfolgsgeschichten, wie man als Schule mit den Unternehmen in seiner Region zusammenarbeiten kann. Sie gehen sogar so weit zu sagen:

“Any school leader who is not taking advantage of potential business partnerships in and surrounding their community is missing a tremendous opportunity — an opportunity most businesses are eager to pursue.”

Education World

Es ist wohl auch hier wieder das berühmte gesunde Mittelmaß gefragt: Die Zusammenarbeit von Bildung und Wirtschaft ist wichtig, jedoch sollten keine Abhängigkeiten entstehen!

Herausforderung für “digitale Lehrer”

Genauso wichtig, denke ich, ist, dass sich alle Beteiligten dieser eventuellen Vereinnahmung bewusst sind. Geradezu süß ist das Beispiel aus der Grundschüle Rötha bei Leipzig: Der Artikel bezeichnet die Teilnahme am Schreibwettbewerb von Amazon als “geschickt verpackte PR im Klassenraum”, während die Direktorin betont: “Im Vordergrund stand für mich der Lesespaß, der Schreibspaß und der pädagogische Hintergrund.”

Ob mit diesem Hintergrund ein Lobbyregister, wie es momentan im NRW-Landtag (siehe Links weiter unten) diskutiert wird, auch für Schulen sinnvoll ist und es dahingehend erweitert werden sollte, weiß ich nicht. Wer eine Orientierung möchte, findet diese auch beim Materialkompass, den das Schulportal für Verbraucherbildung anbietet. Sie versprechen: “Materialien, die (Produkt-) Werbung oder grobe fachliche Fehler enthalten, werden mit Hilfe eines K.O.-Kriteriums mit “mangelhaft” bewertet.”

Fest steht jedoch, dass es für den “digitalen Lehrer” zunehmend zur (weiteren) Herausforderung wird, einerseits gemeinsam mit Unternehmen an innovativen Möglichkeiten der Unterrichtsvermittlung zu arbeiten und andererseits eine Vereinnahmung zu vermeiden. Schließlich sollen Schüler nicht an eine bestimmte Plattform oder Hardware gewöhnt werden, sondern an den intelligenten Einsatz verschiedener Lösungen.

Mhmm.. Ist das quasi eine Art Challenge-based learning für die Lehrer?! 😉

 

* NRW hat nun ein Förderprogramm für kommunale Schulsanierungen auf den Weg gebracht, genannt “Gute Schule 2020”. Yvonne Gebauer und Henning Höne, Abgeordnete der FDP im NRW-Landtag, haben hier zu eine interessante Anfrage gestellt.

 

Dokumente des Landtags NRW zur Diskussion “Lobbyregister”:

 

 

Photo Credits: Own work (montage) – school: https://pixabay.com/en/school-building-education-property-295210/ CC0; Google Inc – http://googleblog.blogspot.co.uk/2015/09/google-update.html, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=42827621; Apple By Original: Rob Janoff – http://www.apple.com/ac/globalnav/2.0/en_US/images/ac-globalnav/globalnav/apple/image_large.svg, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10472152; Microsoft By Microsoft Corporation – Meisner, Jeffrey (August 23, 2012). Microsoft Unveils a New Look (in English). The Official Microsoft Blog. Microsoft. Retrieved on January 14, 2015. (Direct link)., Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20799781; Samsung By Samsung – http://www.samsung.com, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4518047; By LG Corp – http://www.lgcorp.com/about/ci.dev, Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37911974

2 Kommentare

  1. Mit Rechtschreibkorrektur :-):

    Was nicht als Option im Beitrag diskutiert wurde: Samsung, Apple, Microsoft usw. zahlen einen beliebigen Betrag in einen vom Land verwalteten Fond. Mit dieser Spende können Sie werben: “Wir haben 1 Mio € in Bildung investiert”. Auf die Verwendung des Fonds haben sie keinerlei Einfluss oder Anrecht. Das Land, das für die gleichberechtigte Bildung zuständig ist, darf sich frei aus diesem Fond bedienen – durchaus auch für evtl. nicht digitale Zwecke im Sinne einer demokratischen Bildungsfinanzierung (wenn bspw. “unerwartet” viele Flüchtlinge beschult werden müssen).
    Diesen Vorschlag habe ich durchaus schon Lobbyisten gemacht. Die Antwort ist eindeutig: In so ein System würden sie nicht investieren. Und die Begründung wird dann schnell deutlich: es geht nicht um “gute” Bildung. Die Unternehmen sind ihren Aktionären verpflichtet und deren Rendite. Und in der Schule wird dabei ein Millardenmarkt gesehen (siehe BertelsmannStiftung), in dem es die Claims abzustecken gilt. Die erhoffte Wirkung hast Du ja beschrieben.

    Ein weiterer wichtiger Aspekt bzgl. Lobbyismus in Schule ist übrigens die Kontaktaufnahme bzw -pflege zu politischen Entscheidungsträgern. “Vorbildlich” sieht man das gerade bei Microsoft, die mit Bundestagsabgeordneten in Schulen auftreten und sich in der Gunst der Politiker steigern wollen. Zugleich fungieren die Abgeordneten als Türöffner in die Schulen, da sie den Projekten und Kampagnen ein positives Image verleihen (als Botschafter) -> Greenwashing.

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