Handyverbot – Nein Danke!

 

Worum geht’s?

Handy ja, Handy nein, Verbot ja, Verbot nein. Frankreich hat sich gerade entschieden ein Handyverbot für alle* unter 15jährigen einzuführen. “En Marche” in die Vergangenheit? Was führte zu dieser, na ja, doch eher radikalen Entscheidung? Und sollte Deutschland nachziehen? Befürworter gibt es viele. Was ist dran am Handyverbot?

*Gymnasien haben in Frankreich die Möglichkeit, sich selbst zu entscheiden, ob sie das Verbot einführen möchten.

 

Was sagen die Befürworter∞?

Seit einiger Zeit wird beklagt, dass die Schüler im Unterricht nicht mehr aufmerksam genug sind. 1 Das “nicht mehr” wird dabei häufig mit der intensiven Nutzung der Smartphones erklärt. Wenn man dieses nun verbannt, soll die Aufmerksamkeit der Schüler∞ im Nu gesteigert, das Schulklima verbessert und gleichzeitig auch noch die Bewegung in den Pausen wiederhergestellt sein. Denn dann gebe es ja keinerlei Ablenkung mehr, Cybermobbing falle weg und es werde wieder Fangen und Ball auf dem Schulhof gespielt. Smombies 2 ade! Ein weiterer positiver Aspekt sei, dass beim Einkassieren des Smartphones keiner mehr ausgegrenzt werde. Schließlich wisse man nicht mehr, wer welches Gerät und Modell hat und auch nicht, wie viele Stunden man online ist – also “in da game”.

Das Bildungsministerium in Frankreich spricht nun von einer Lernumgebung ohne Handys, die “Aufmerksamkeit, Konzentration und Reflexion ermöglicht”, sodass die Schüler∞ die Lerninhalte verstehen und auswendig lernen können. 3 Ganz nebenbei erwähnt das Ministerium auch noch, dass man so Erpressung, Diebstahl und Belästigung der Schüler∞ bekämpfe und sie vor “unschönen Bildern” schütze. 4 Im Sinne einer fairen Prüfung soll das Handyverbot ebenfalls vor Betrügern schützen, welches in Frankreich interessanterweise auch die “internetfähigen Uhren” einbezieht. 5

Um die Haltung der Befürworter des Handyverbots in Deutschland auf den Punkt zu bringen, möchte ich Hildgard Bentele zitieren, die bei der CDU in Berlin für die Bildung zuständig ist. Ihre Aussagen bei der Infosendung zum Handyverbot vom RBB: “Viele Schüler sind unkonzentriert, wenn sie ständig mit ihren Handys beschäftigt sind”… Mit der Handynutzung seien negative Einflüsse wie Cybermobbing verbunden. Außerdem sei für Kinder in unteren Klassenstufen kein pädagogischer Nutzen erkennbar, weil Smartphones dort keine Hilfe böten. “Wir plädieren dafür, dass die Handys am Schultor abgegeben werden, damit Schüler sich auf die Schule konzentrieren und ihre sozialen Kontakte anders gestalten können.”

 

Löst ein Handyverbot alle Probleme?

Das klingt nach einem Allheilmittel. Smartphone weg, Probleme gelöst. Tja, denkste, würden meine Schüler∞ hier sagen. Auch an deutschen Schulen, an denen es strikte Handyverbote gibt, haben die Schüler∞ so manche Tricks entwickelt, um das Verbot zu umgehen. Zum Beispiel das Zweithandy: “Da wird dann morgens einfach ein Gerät mit Notfallkontakten beim Lehrpersonal abgegeben und ein anderes Smartphone, mit Minecraft und anderen Spielen, wird behalten. Ein etwas weniger aufwendiger Kniff: Der Schüler sagt dem Lehrer, dass das Smartphone zu Hause ist. In Wirklichkeit ist es griffbereit im Spind.” 6 So klärt Marina Grujic die Leser von Ze.tt aus Schülersicht auf.

 

Was sagen die Gegner∞ eines Handyverbots?

Das ist nur ein Argument, warum ein Handyverbot aus meiner Sicht völliger Quatsch ist. Auch die anderen Punkte lassen sich schnell als nur schön klingende Vorteile entlarven: Schüler∞ sind unkonzentriert. Mit oder ohne Handy. Punkt. Nicht immer, aber manchmal. Was hat man im Lehramtsstudium und Referendariat damit verbracht, welche Ursachen es haben kann, wenn Schüler∞ mal nicht aufmerksam sind! Handy? Nein, das war nicht die Hauptursache. Ärger zu Hause, mit den Freunden, dem/der Freund/in, schlechte Noten, oder – wie momentan auch sehr passend – es war einfach zu heiß im Klassenraum. Nennt mich Idealist, aber ich denke, dass man seinen Unterricht auch tatsächlich interessant gestalten kann, sodass man als Schüler∞ nicht vor lauter Langeweile zum Handy greifen muss.

Cybermobbing, noch so ein “Vorteil”, der bei Abnahme des Handys entstehe. Klar, WÄHREND des Unterricht kann dann nicht mit dem ErstHandy getextet werden, aber man bekommt es doch schließlich beim Verlassen der Schule wieder. Wenn man jemanden mobben möchte, findet man auch andere Wege dies zu tun – und sei es am Nachmittag.

Hierbei tut sich noch ein weiterer, wichtiger Aspekt auf: Wer bewahrt die Handys eigentlich auf? Und wer kontrolliert, dass auch alle Schüler∞ ihre Handys abgegeben haben? Und in welchem Zustand sich die Handys zu jenem Zeitpunkt befunden haben? Gibt es dafür extra Personal? Oder mehr Unterrichtszeit? Oder gibt es, auch ganz interessant, eine extra Versicherung der Schule, falls etwas mit den Geräten passiert? Wenn man die Diskussionen um Haftung und Versicherung sonstiger Gegenstände zum aktuellen Zeitpunkt – ohne Handys! – in den Schulen kennt, ist das lachhaft.

Doch das “falscheste” Argument aus meiner Sicht ist, dass Smartphones keinen Nutzen und keine Hilfe böten. Klar, das ist für mich kein neues Argument, ich versuche nun schon seit geraumer Zeit Kollegen, Eltern und sonstige Skeptiker vom Gegenteil zu überzeugen. Selbst, wenn man es nur als notwendiges Übel in der Debatte sieht, wie Leonie Gubela es in der Taz beschreibt: “Wenn das Smartphone geduldetes Hilfsmittel oder Untersuchungsgegenstand im Unterricht würde, ließe sich sein Umgang sehr viel besser kontrollieren. Geräte gleich neben dem Englischbuch sind schneller überblickt als die, die heimlich aus der Tasche gezogen und unter dem Tisch gecheckt werden.”

Selbst das französische Bildungsministerium räumt ein: “Das Verbot kann im Rahmen einer expliziten und spezifischen pädagogischen Nutzung, die von den Lehrkräften beaufsichtigt wird, Ausnahmen unterliegen.” 7 Wie diese Ausnahmen allerdings aussehen sollen, bleibt offen bzw. den jeweiligen Schulen überlassen.

MIT dem eigenen Smartphone kann man auch lernen, wie man gegen Cybermobbing vorgeht und damit umgeht. Wieder Leone Gubela in der Taz: “Smartphone-Verbote halten Schüler*innen nicht davon ab, nach Schulschluss Beleidigungen und Gerüchte auf sozialen Netzwerken zu verbreiten. … Umso wichtiger, dass das Thema immer wieder im Unterricht besprochen wird und dafür kompetente Lehrer*innen über die sozialen Mechanismen von Snapchat, Facebook und Co. aufklären und mit den Schüler*innen diskutieren.”

Von der Prävention abgesehen, ist es meines Erachtens besonders wichtig, dass Schüler∞ ihr Smartphone nicht nur als Spiel- sondern auch als Arbeitsgerät begreifen. Ich spreche gern von digitalen Medien als “Schweizer Taschenmesser” mit vielfältigen Möglichkeiten. Einen großen Teil bietet das Handy bereits. Es kann rechnen, Audios und Videos aufnehmen und bearbeiten, Collagen erstellen und den Schüler∞ so in diversen Bereichen bei seinem Lernen begleiten und unterstützen. Wenn er dann noch im Sinne der 4K (Kommunikation, Kollaboration, Kritisches Denken, Kreativität) zum “Macher” wird und mit seinem Gerät Lernprodukte erstellt, dann habe ich das Lernen nicht nur gefördert, sondern oft auf eine viel höhere Stufe gebracht. Auch das kann ein Smartphone in der Schule bedeuten. Nicht nur Daddeln, Spielen und Ablenkung!

 

Was lernen wir daraus?

Warum das Handy als Sündenbock dargestellt wird, ist nachvollziehbar. Schüler∞ – Menschen im Allgemeinen – sind heute (sehr wahrscheinlich) anders. Im 21. Jahrhundert wachsen sie anders auf als noch vor 10, 20 oder 30 Jahren. Die oft genannte Lebensrealität ist eine andere. Doch möchte ich eine Diskussion um oder gar die Entscheidung für ein Handyverbot nicht nur als nicht zeitgemäß abtun. Das wäre zu einfach. Nostalgie für die “gute, alte Zeit” gibt es in vielen Bereichen.

Ich möchte die Diskussion vor allem auf die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten der Smartphones lenken. Vieles davon kann auch ein Tablet oder ein Laptop (diese sollen nämlich stattdessen in Frankreich in den Schulen eingeführt werden). Abgesehen davon, dass die wenigsten Schulen diese Geräte zur Verfügung stellen können, ist das Entweder-Oder-Denken falsch. Selbst wenn es diese Geräte gibt, werden die meisten Schüler∞ dennoch ein Handy besitzen. Doch was machen sie dann damit? Genau dann passiert viel mehr das, was heute alle beklagen: Sie spielen nur noch, machen sich keine Gedanken über ihre Privatsphäre-Einstellungen und lassen jegliche App auf alle ihre Daten zugreifen. Denn wer spricht dann mit ihnen darüber? Lehrer∞ nicht, die meisten Eltern auch nicht. Die Schüler∞ untereinander? Bestimmt nicht. Wenn wir Handys aus der Schule komplett verbannen, nehmen wir uns auch die Möglichkeit über einen sinnvollen und maßvollen Umgang zu diskutieren, wovon die Schüler∞ dann auch privat profitieren können. Schon in der Vergangenheit habe ich mich klar für Smartphones im Unterricht ausgesprochen. Daher bin ich im Zuge der aktuellen Frankreich-Debatte sehr froh, dass auch Eltern, wie z.B. Dieter Cohnen, Vorstandsmitglied der Landeselternschaft der Gymnasien NRW, und Lehrer∞ wie z.B. Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologenverbands NRW, sich gegen ein Handyverbot aussprechen.

Selbst wenn bei uns in Deutschland diese Regelung so nicht übernommen werden könnte, weil Bildung Ländersache ist, möchte ich auch an die Bundesländer appellieren: Bildet lieber die Lehrkräfte aus, dass sie einen kompetenten Umgang mit Medien, der Informationsflut, Fake News und allem, was sonst noch dazugehört, selbst beherrschen und diesen kompetenten Umgang auch den Schülern∞ vermitteln können. Aufklärung statt Verbot!

 

Fußnoten

Ein ∞ soll anzeigen, dass beide Geschlechter gemeint sind.

1. “Unaufmerksamkeit” als negatives Buzzword wird (spätestens) seit Spitzer übernommen. Hier ist nur ein Beispiel, wie er darüber “aufklärt”. Dass das Problem der Aufmerksamkeit schon viel länger, unabhängig von Handys besteht, zeigt allein schon dieser Focus-Artikel von 2010.

2. “Smombie” war das Jugendwort des Jahres 2015, das vom Langenscheidt-Verlag gekürt wurde. “Der Begriff steht für Menschen, die von ihrer Umgebung kaum noch etwas bemerken, weil sie zu sehr von dem beständigen Blick auf ihr Smartphone abgelenkt sind. Daher auch die Zusammensetzung aus dem Worten ‘Smartphone’ und ‘Zombie'” – so erklärt es die Tagesschau.

3. Der französische Wortlaut: “…l’interdiction de l’usage des téléphones portables favorisera pour les élèves un environnement qui permet l’attention, la concentration et la réflexion indispensables à la compréhension et à la mémorisation.”

4. Hier der französische Wortlaut: “Enfin, l’interdiction de l’utilisation des téléphones portables permettra de lutter contre une part importante des incivilités constatées dans les établissements (racket, vol, harcèlement) et de limiter l’exposition des plus jeunes à des images choquantes, violentes ou à caractère pornographique.”

5. LeMonde klärt auf: “La proposition de loi interdit l’usage de tout objet connecté (portable, tablette, montre…).” Die Sache mit dem Betrug beschäftigt im Übrigen mehrere Länder. So gibt es eine regelrechte Internetsperre zu Prüfungsterminen zum Beispiel in Algerien und im Irak. In den USA hatte man Störsender ausprobiert, die dann allerdings wieder entfernt werden mussten, da auch Notrufe geblockt wurden. 

6. Im Original werden die gegenderten Schreibweisen “Der*die” Schülerin” bzw. “dem*der* Lehrer*in”verwendet, die ich zur besseren Lesbarkeit entfernt habe.

7. Auch hier wieder der französische Wortlaut: “L’interdiction peut connaître des exceptions dans le cadre d’un usage pédagogique explicite et spécifique, encadré par les professeurs.”

 

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1 Kommentar

  1. Wichtiger wäre Medienkompetenz von der Grundschule an vermitteln. Digitaltechnik, ob Smartphones, Tablets oder GalneoScreens alleine sind kein Mehrwert, sondern Lernräume, ein vernetztes Lernen MIT Digitaltechnik.

    Ein Smartphone ist heute ein Computer, es kann messen, es ist Tor in die schulische Cloud, mit ihm kann man Vokabeln einfach lernen und den Fortschritt speichern. Über Apps, die auf iOS, Android und Windows laufen, kann die Schulgemeinschaft – Schüler*innen, Pädagogen, Eltern – am digitalen Lernen teilnehmen, Kompetenzen einsehen, Absenzen versenden, Lernziele definieren, Lernstoff abrufen, kommunizieren….

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