Unterricht mit den 4K und Schülerexperten

Es geht um die Zukunft der Schule und die Zukunft der Schülerinnen und Schüler. Was kann man verbessern und verändern, damit Schüler (besser) vorbereitet werden? Die dreitätige Tagung „Zukunft Schule“ , die man als Höhepunkt des Themenjahres „Future 19“ bezeichnen kann, sollte genau dies genauer beleuchten. Das Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität zu Köln fasste es so zusammen: „Wir erproben und entwickeln neue Utopien und innovative Inhalte, Methoden und Skills, für das Lernen, Lehren und die SchülerInnen von morgen.“ (Startseite des Themenjahrs). Ich durfte im Rahmen dieser Tagung einen Workshop geben, bei dem ich den Fokus auf den Unterricht mit den 4K (Kommunikation, Kritisches Denken, Kreativität und Kollaboration) legen wollte. In der Planung des Workshops wurde mir klar, dass ich dabei doch immer meine Schüler im Blick habe und sie doch zu Experten machen will. Kurzerhand fragte ich beim Orga-Team nach, ob ich nicht ein paar Schüler mitbringen darf, die mit mir den Workshop gestalten. Das hielt ich für viel authentischer.

Gesagt, getan. Und ich muss sagen, es war die beste Entscheidung überhaupt! Es macht einen Unterschied, ob ich ÜBER Schüler erzähle, wie es bei ihnen ankommt und welche Rückmeldung sie geben, oder ob sie es SELBST sind, die den Teilnehmern erklären und anschaulich zeigen können, wie sie den Unterricht wahrnehmen und welche Vor- und Nachteile sie selbst erkennen.

Vorbereitung

Kurz vor den Sommerferien sprach ich einige Schüler an, ob sie Lust hätten, mit mir den Workshop im August zu gestalten. Alle sagten sofort interessiert zu und auch ihre Eltern gaben direkt ihr (schrifltiches!) Einverständnis. In den Sommerferien bereitete ich also die Präsentation für den Workshop vor, überlegte mir mögliche Ausschnitte aus meinem Unterricht und legte einen Online-Ordner an, zu dem die Schüler Zugang bekamen, sodass sie mitverfolgen konnten, wie sich die Präsentation entwickelte und wie ich es plante, sie einzubinden. Hier hätte ich noch lieber mit den Schülern gemeinsam geplant, aber aufgrund der Feriensituation musste ich etwas mehr vorgeben.

Bereits vor einiger Zeit durfte ich ein paar Schüler zum Forum Schulleitung mitnehmen, bei dem es in meinem damaligen Workshop um den Flipped Classroom ging. Da es damals so gut klappte, wollte ich wahrscheinlich auch diesmal die Schüler unbedingt mitnehmen. Doch diese Art Workshop, wie ich ihn mir vorgenommen hatte, hatte ich bis dato auch noch nicht gehalten, sodass ich mir erst einmal überlegen musste, wie ich ihn überhaupt gestalten wollte.

Das Konzept der 4K

Wenn man in der #Twitterlehrerzimmer-Bubble ist, hat man schon oft von dieser Abkürzung gehört, doch schätze ich, dass viele Lehrkräfte, die nicht oder nur wenig auf Social Media unterwegs sind, diese 4K noch nicht kennen.

Daher wollte ich zuerst einen kleinen theoretischen Teil als Hintergrundinformation liefern und die 4K erklären:

Besonders anschaulich empfand ich die Darstellung, die Jöran Muuß-Merholz veröffentlicht hat. Farblich angepasst nutzte ich sie, um vor allem mit falschen Erwartungen aufzuräumen:

Die unter CC-Lizenz stehenden Folien von Jöran und Konsorten findet man hier.

Die „4K-Brille“

Nach diesem theoretischen Input wollte ich zeigen, wie man das Modell zur Unterrichtsplanung verwenden könnte, wie man also mit der „4K-Brille“ plant. Als Grundlage hat man natürlich den Lehrplan und das schuleigene Curriculum für das jeweilge Fach. Ein weiterer großer Faktor ist die Zeit, die ich zur Verfügung habe. Damit Schüler wirklich 4K-Kompetenzen aufbauen, brauche ich mehr Zeit als in einem lehrergeleiteten (Frontal-)Unterricht, der ganz plakativ gesagt, nur reines Wissen vermitteln will.

An dieser Stelle hilft vielleicht ein konkretes Beispiel. Da es hierbei auch so viele „Fakten“ gibt, nehme ich eine Unterrichtsreihe aus dem Geschichtsunterricht. Weil es bei mir in der neunten Klasse bald wieder ansteht, nehme ich den Nationalsozialismus. Ich schaue mir an, was mir der Kernlehrplan vorschreibt, welche Begrifflichkeiten sitzen müssen, welche möglichen Schwerpunkte mein Schulcurriculum legt. Soll vielleicht eine Exkursion stattfinden? Dann schaue ich, wie viele Unterrichtsstunden ich ungefähr einplanen kann. Ich gehe grob von zehn Stunden aus (Anmerkung: Bei mir sind es 70 Minuten, jeweils ein Mal pro Woche.). Meine nächste Überlegung betrifft das Material, die Technik, die ich vorliegen habe, und die bisherigen Fähigkeiten meiner Schüler. Welche Unterthemen kann ich als Lehrer aufbereiten, bei welchen Themen bietet es sich an, Schülerprojekte einzubauen, welche Themen bieten mögliche Interessenfragen, die die Schüler zusätzlich in ihrer Freizeit aufbereiten und dann vorstellen könnten? Muss ich noch ein paar Tools z.B. für Präsentation vorstellen oder sind meine Schüler beispielsweise aus den vorangegangen Themeneinheiten fit genug?

Für den Workshop hatte ich dazu eine Folie mit kurzen Tipps & Tricks erstellt:

Man sieht also, dass ich mir bereits im Voraus einige Gedanken zur groben Struktur mache und auch wissen muss, wo ich eigentlich hin will. (Das sollte allerdings meiner Meinung nach immer klar sein, mit oder ohne 4K-Modell.) Gleichzeitig brauche ich zeitliche Puffer, um mögliche Schülerinhalte mitaufzunehmen.

Auch hier ein Beispiel aus dem Workshop: Als wir über die unterschiedlichen Arten des Widerstandes im Nationalsozialismus sprachen, wollte Sude es genauer wissen. Die Erwähnung der Geschwister Scholl reichte ihr nicht aus und sie wollte mehr Informationen sammeln und vor allem Sophie Scholl der Klasse vorstellen. Also bereitete sie eine kurze, vor allem visuell angelegte Präsentation vor, die sie bei ihrem Live-Vortrag in der Klasse unterstützte. So konnte sie gekonnt ihre Mitschüler für das Thema begeistern und gleichzeitig ihre „Storytelling“-Fähigkeiten im Bereich der Medienkompetenz ausbauen.

Ich probiere oft neue Dinge oder sagen wir neue Herangehensweisen an Themen aus, bei denen ich denke, dass ich damit die Schüler noch besser unterrichten und an die Themen heranführen kann. Letztlich geht es mir ja nicht nur darum, dass sie etwas lernen, sondern auch ein wenig darum, dass sie die Themen mit Begeisterung in Erinnerung behalten. Daher sage ich ihnen ganz offen am Anfang einiger Themeneinheiten, dass ich mit ihnen etwas ausprobieren möchte, ein kleines Experiment plane und sie spätestens am Ende auch ihre Meinung ganz offen dazu kundtun sollen, damit ich wiederum weiß, ob meine Überlegungen richtig waren und ob ich etwas verbessern kann. So sind sie fast ungewollt auch immer auf einer Metaebene gefragt, ihr eigenes Lernen und ihren Umgang mit Medien und Formaten zu reflektieren und eine geeignete Kritik zu üben, mit der man etwas anfangen und verbessern kann.

Die Schüler als Experten im Workshop

Diese Reflektionsfähigkeit sollte meine Schülergruppe auch in dem Workshop zeigen. Bei der Planung im Voraus habe ich, wie bereits erwähnt, versucht, einige Beispiele aus dem Unterricht den einzelnen 4K zuzuordnen bzw. das eine „K“, das besonders im Vordergrund stand, mit einem Beispiel zu begleiten. Diese Unterrichtsausschnitte zeigen immer Produkte der Schüler, die auch anwesend waren, sodass sie den Umgang mit dem jeweiligen Tool, ihren Lernprozess und das Resultat beschreiben und erklären konnten.

Ben hat hier z.B. die Nutzung des Book Creator auf den ausgeliehenen Tablets erläutert und warum es eine andere und bessere Variante sein kann, Informationen für sich selbst und für die Klasse aufzubereiten. Besonders stellte er dabei unterschiedlichen medialen Möglichkeiten in den Vordergund, dass man Texte, Bilder, Audios und auch Emojis nutzen kann. Ein weiterer Vorteil sei das intuitive Vorgehen bei der App bzw. im Chrome-Browser.

Ein kurzes persönliches Vortreffen vor dem Workshop reichte aus, damit die Schüler und ich ungefähr wussten, was sie sagen wollten. Sie waren dabei völlig offen, konnten sich bei Fragen aber natürlich an mich wenden. Ich glaube auch, genau diese Offentheit sagte ihnen zu, da ich ihnen keine Meinungen diktierte oder Punkte, die sie unbedingt nennen sollten. Sie waren es gewohnt, Vor- und Nachteile abzuwägen und Kritik so zu äußern, dass sie nicht neiderschmetternd ist, sondern man daraus Verbesserungsvorschläge mitnehmen kann.

Neben dem Book Creator, für den Ben Experte war, stellte Luisa Erklärvideos vor, welche Möglichkeiten man mit seinem Smartphone hat und warum sie besonders oft Videos zum Lernen nutzt. Für das Interview mit Felix Schledde vom Deutschlandfunk* hat sie das nochmals zusammengefasst:

Hugo stellte das mbook als möglichen Ersatz für ein Geschichtsbuch vor, da man hier vor allem selbst entscheiden kann, wie viele Informationen man zu einem Thema haben will und mit welchen Medien man lernen möchte.

Naomi hat sich in dem Schuljahr an Sketchnotes versucht und tolle Resultate erzielt. Auf ihrem eigenen iPad hat sie mit der App INKredible Unterrichtsinhalte für die Klasse zusammengefasst und dabei auf Icons und Bilder gesetzt, damit Vieles auf den ersten Blick klar wird. Interessant waren auch ihre Ausführungen, wie sie DIY-Stifte für das iPad bastelte, um graziler Inhalte zu erstellen. Die Resultate können sich sehen lassen!

Nico überzeugte mit seinen ganzen Argumenten für Online-Speicher wie Google Drive, da man dort alle Arbeitsmaterialien hat, Texte gemeinsam erstellen und durch Kommentare gegenseitig bewerten und verbessern und Präsentationen viel einfacher für Referate vorbereiten kann. Auch er formulierte dies für das Interview im Voraus genauer:

Bereits während der Vorstellung durch die Schüler konnten die Teilnehmer sehr viele Fragen stellen, die die Schüler auch souverän beantworteten. Das große Interesse seitens der Teilnehmer und die ausführlichen Antworten der Schüler zeigten uns, wie schnell die angesetzten 90 Minuten vorübergingen. Auch hier habe ich am Anfang gesagt, dass der Workshop ein Experiment wird, weil wir ihn noch nie vorher so gehalten haben. Das hieß leider auch, dass die Teilnehmer selbst nicht mehr so viel ausprobieren konnten, was natürlich eigentlich geplant war. Sie sollten zumindest die Tools, die die Schüler vorgestellt haben, ausprobieren und die anwesenden Schüler um Rat fragen können. Trotz dieser fehlenden Praxisphase konnten die meisten Teilnehmer doch Einiges aus dem Workshop mitnehmen, wie das Feedback am Ende und die Tweets einiger Teilnehmer zeigten. Glück gehabt 😅

Im Nachgang, also ganz banal auf der Zugfahrt nach Hause, fragte ich die Schüler nach ihren Eindrücken. Wir waren alle noch ganz aufgeregt und gleichzeitig beschwingt von dem tollen Tag, von den ganzen Informationen der Workshops und Talks und der Erfahrung unseres eigenen Workshops. Ein paar Tage später konnten die Schüler ihre Eindrücke auch in Worte fassen, mit denen ich gern abschließen würde:

Luisa:
Zunächst ein großes Dankeschön, dass ich dabei sein durfte und solche Erfahrungen machen konnte! 😊 Ich fühlte mich sehr geehrt in meinen eigenen Worten, meine Meinung über Ihren Unterricht und die neuen Lehrmethoden zu vertreten. Dass man mich als so „jungen Menschen“ total ernst genommen hat und meine Meinung angehört hat, hat mich wirklich sehr gefreut.
Ähnliches kann ich auch nur zu dem tollen Radiointerview sagen, denn auch das war ein großartiges Erlebnis.
Ich wünsche Ihnen, dass ihr Engagement belohnt wird und davon auch viele Schüler in NRW profitieren. Denn ganz ehrlich, Unterricht bei Ihnen macht Spaß und ist einen gute Vorbereitung für die Berufswelt. Zusammenfassend kann ich nur sagen, dass die Tagung „Zukunft Schule“ gut organisiert und aus meiner Sicht sehr gelungen war.

Sude:
Der 29.08.19 war ein sehr ereignisreicher und aufregender Tag an der Uni Köln. Die Workshops zu “Fake News” und “Propaganda” waren interessant, informativ und verständlich gestaltet. So konnten auch wir als die einzigen Schüler folgen und uns einbringen.
Zwischendurch haben wir uns natürlich auch an der Uni selbst umgesehen und viel Interessantes entdeckt.
Schließlich durften wir Frau Toller bei ihrem eigenen Workshop zu den “4Ks” unterstützen und einen kleinen Vortrag zu unserem Themengebiet halten. Dem Feedback und den Twitterposts zu Urteilen waren alle Gäste sehr angetan und inspiriert von unserem Projekt (was uns natürlich alle sehr stolz gemacht hat).
Mein persönliches Highlight war jedoch das Interview für einen Radiokanal. Anfangs war ich sehr aufgeregt und nervös, doch ich denke wir haben das alle zusammen sehr gut gemeistert.
Die Stimmung war immer sehr gelassen und locker. Man hat sich sehr wohl gefühlt. Schlussendlich bin ich sehr glücklich, dass Frau Toller mich mitgenommen hat und glücklich darüber, dass ich diese Erfahrung machen durfte.

Naomi:
Ich fand die Veranstaltung war ein voller Erfolg. Ich hab unglaublich viel aus dem Workshop über Fake-News mitgenommen und gelernt. Außerdem war die Atmosphäre vorort absolut entspannt und lustig. Auch unseren Workshop fand ich absolut gelungen und es war eine echt tolle Erfahrung vor so vielen Lehrern, Dozenten und Referenten zu reden. Es war eine Abwechslung den ganzen Lehrern mal „etwas“ zu lehren. Anfangs war ich ein bisschen nervös, aber die ganzen Leute waren so nett, weshalb sich die Nervosität auch schnell gelegt hat.

Nico:
Liebe Frau Toller, eins ist klar,
Der Tag war einfach wunderbar.
Über die 4Ks sprachen wir die ganze Zeit,
Denn das Feld der Fragen ging sehr weit.
Fast jeder Platz war voll belegt,
Jeder Finger wurd‘ beim schreiben schnell bewegt.
Sprechen Sie über digitales finden sie Gehör,
Man sagt sogar „Frau Toller ist nichts zu schwör“.
Viele fragten Sie nach einem Foto,
Für guten Unterricht sind Sie ein pars pro toto.
Ein Teil des ganzen waren wir,
Erklärten mit Ihnen die Ks gar alle vier.
Es macht stolz zu sehen, ja das ist klar,
Für viele Schüler machen Sie Träume wahr.
Zusammen war das alles sehr entspannt,
Nicht eine Kleinigkeit ist angebrannt.
Sogar das Interview verlief makellos,
Wir können eben noch mehr als nur Erklärvideos.
Alles in allem bin ich sehr froh,
Dass ich dabei sein durfte bei dieser Show.
Brauchen Sie uns wieder Mal,
So Folge ich in jeden Saal
Und lasse stehen jedes Mahl.

Auch von mir ein ganz herzliches Dankeschön an die Universität zu Köln, an das Zentrum für Lehrerinnenbildung, an die Teilnehmer und vor allem an meine tollen Schüler 🤩

*Hier ist der Link zum Beitrag in der Mediathek.

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