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Paradoxon 2017 – Der analoge Weg zum iPad

Ich kann es noch immer nicht fassen. Ich lache auch immer noch darüber, obwohl ich es eigentlich zum Weinen finde.

21. Jahrhundert. Tatort Medienzentrum. Benutzerausweis. iPad.

Was war passiert?

Ich habe die wahnwitzige Idee, für eine Unterrichtsreihe Tablets auszuleihen. Irgendwo habe ich gehört, dass manche städtische Schulmedienzentren welche haben und für eine gewisse Zeit an Schulen ausleihen.

Erster Akt: Anruf beim hiesigen Medienzentrum

Aufgrund dessen, dass meine 7er auf Klassenfahrt sind, hatte ich gestern über den Schultag verteilt zwei Freistunden. Zeit also, um andere schulische Dinge zu organisieren. Beispielsweise um bei Ämtern oder Institutionen anzurufen, die sonst wegen meiner eigenen vormittäglichen Arbeitszeit oft nicht für mich erreichbar sind.

Ich erreiche um 8:17 Uhr also tatsächlich jemanden. Ich stelle mich vor, schildere mein Anliegen und bekomme eine unerfreuliche Antwort: Ich bzw. meine Schule sei nicht registriert.

Ich stutze. Noch vor kurzem habe ich mich doch bei Edmond NRW sogar mit einer Schulbescheinigung registriert, damit ich Materialien vom Medienzentrum ausleihen darf. Das sei nicht das Gleiche. Ich solle im Schulsekretariat nach den „Karten“ fragen, mit denen man sich registriert. Die hätten alle Sekretariate an den Schulen vorrätig, man müsse sie nur von der Schulleitung ausfüllen lassen.

Ich stutze erneut. Was, wenn wir diese „Karten“ nicht haben? Also frage ich: „Könnte ich das Formular auch irgendwo herunterladen – ich höre ein Atmen – oder vielleicht auch gefaxt bekommen?“ Nein. Die Antwort lautet tatsächlich Nein. Es muss diese ominöse Papierkarte sein. Mit dieser müsse ich mich sogar auch persönlich mit Personalausweis im Medienzentrum ausweisen. Das dürfte ich aber auch in der Zweigstelle in meinem Schulbezirk tun. Okay. Ich resigniere. Analog also.

Zweiter Akt: Aufspüren der „Karte“

Erstes Nachfragen im Sekretariat. Große Augen. Keine Ahnung. Ich stelle mir diese Karte mittlerweile so vor wie diese alten, vergilbten Pappkarten, mit denen man Bücher ausleihen konnte, indem man die Signatur eintrug – die ich als Kind immer eklig fand (das Wort „Signatur“ kannte ich damals übrigens noch nicht…). Ich solle später nochmals wiederkommen, es würde gesucht und geforscht.

Zweites Nachfragen im Sekretariat. Kopfschütteln. Noch nie von gehört. Ich rufe also in der Zweigstelle an. „Was, Sie haben keine Karten vorrätig bei Ihnen? Na dann müssen Sie bei uns vorbeikommen, die Karte abholen, von der Schulleitung ausfüllen lassen und wieder zu uns kommen – mit Personalausweis.“ Ich frage nochmals nach einer Download- oder Faxmöglichkeit. Fehlanzeige „Das geht nicht, die Karte ist beidseitig bedruckt!“ Aha. Aber ich habe ja eine Freistunde… Auf dem Weg treffe ich die Vertretung der Schulleitung, erkläre das Problem, ernte abermals große Augen, bekomme aber das Versprechen, gleich im Anschluss direkt die Unterschrift zu bekommen.

Dritter Akt: Beschaffungsmaßnahme der „Karte“

Freundliche Begrüßung in der Bezirksbibliothek (= Zweigniederlassung vom Medienzentrum!). Ich sei also die Dame vom Telefon. Man gibt mir einen Packen Karten in die Hand – „für andere interessierte Kollegen“. Ich muss lächeln. Es ist ein Pappkärtchen.

Fahrt zurück zur Schule, Unterschrift der Leitung, Schulstempel. Zweite Fahrt zur Bezirksbibliothek. Die Empfangsda… äh Bibliothekarin ist überrascht mich so schnell wiederzusehen. Sie kramt im Regal nach einer Kladde. Sie zückt ein schreibmaschinengetipptes Blatt mit fortlaufenden Nummern. Ein großartiger Moment: Ich bekomme meine Benutzernummer. Mein Personalausweis fehlt noch. Geschlagene zehn Minuten vergehen, bis mein Name, Geburtsdatum und meine Adresse in den Computer eingegeben sind. Ich schaue mich also um. Zwei Computer als „Selbstbuchungsstation“ für die Ausgabe von Büchern, ein „Signpad“ für Unterschriften. Warum bekomme ich eine Pappkarte? Ich halte den Schatz in der Hand.

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„Die gilt aber immer nur für ein Schuljahr!“ Oh. Das erste halbe Jahr ist ja schon um. Ob man dann vielleicht direkt fürs nächste… Nein. Da brauche ich wieder Schulstempel und Schulleiterunterschrift. Böses ahnend frage ich, wie lange die Freischaltung nun braucht. „Ein paar Tage? Nee, das geht sofort!“ Große Augen nun meinerseits.

Vierter Akt: Gewappnet zur Hauptstelle

Meine „Freistunde“ geht noch zehn Minuten. Anruf in der Hauptstelle. Gleiche Person wie heute Morgen. Glück gehabt, muss die Geschichte also nicht nochmals erzählen. Triumphierend nenne ich nun meine brandneue, handgeschriebene Benutzernummer. Tatsächlich, ich bin im System. Kurzes Terminchaos, rot unterlegte Tage, interner Anruf beim Medienberater, wie das nochmal geht mit den iPads. Ich zelebriere. Bis dato wusste ich nur von Tablets, nicht von iPads. Reservierung steht. Frau Toller erhält einen Koffer mit 16 iPads Mitte Februar. Selbstabholung in der Hauptstelle versteht sich. Juchu!

 

Ich bin so überglücklich, dass mir erst zu Hause richtig klar wird, wie widersprüchlich die ganze Aktion ist. Ich bringe sie für den geneigten Leser nochmals auf den Punkt:

Für iPads brauchte ich einen Papierausweis, den es in keiner Form digital gibt.

@MedienberatungNRW – das muss doch nicht so bleiben, oder?

 

Bildquelle: CC0 https://pixabay.com/de/name-namensschild-schild-ausweis-1714231/

 

 

 

6 Kommentare zu “Paradoxon 2017 – Der analoge Weg zum iPad

  1. Hast du die Pads schon mal hochgefahren? Möglicherweise gibt es ja eine Passwortabfrage, für die du eine PasswortKARTEnnummer brauchst, die es nur beim…du weißt schon…gibt. Die Geschichte hört sich ja wie aus vergangenen Tagen an, ich glaube, die werde ich meinen Enkeln mal als Gutenachtgeschichte vorlesen 🙂

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