Individuelles Lesen mit #BookSnaps

Lesen als Hobby nimmt immer mehr ab. Vertraut man den Statistiken, die man auf den ersten Sucheiten online findet, nennen im Jahr 2018 von 100 Befragten nur 29% Lesen als wöchentliche Aktivität. Würde man diese Frage unter 100 Jugendlichen stellen, fiele die Prozentangabe wahrscheinlich noch niedriger aus. Zum Vergleich: Die wöchentliche Smartphonenutzung ist 2018 auf 49% gestiegen – das Telefonieren ausgeschlossen.

Dem versucht die Schule in vielen Fächern entgegenzutreten, indem es entweder vorgeschriebene Lektüren gibt oder die Lehrkräfte der einzelnen Fächer beschließen, zu bestimmten Themen sogenannte „Ganzschriften“ zu lesen. In Englisch machen wir das an unserer Schule genauso. Ich bin wirklich froh darüber, dass wir das für jeden Jahrgang so handhaben (siehe damaliger Blogartikel).

Manchmal wird es aber langweilig, besonders für die Schüler, wenn sie immer im Gleichschritt Geschichten lesen, die sie im schlimmsten Fall überhaupt nicht interessieren. Dann müssen sie sich quälen, weil darüber die nächste Klassenarbeit geschrieben wird, Quizzes anstehen oder sie sich besonders kreativ in einem Lesetagebuch engagieren sollen. Keine Frage, genau das habe ich bisher auch immer gemacht und hatte dabei auch durchaus Erfolge zu verzeichnen.

In meiner jetzigen achten Klasse haben wir passend zum Kapitel „New York“ im ersten Halbjahr den Roman Underground New York von Cecile Rossant gelesen, der als annotierte Fassung vom Cornelsen-Verlag herausgegeben wird. Ich habe damals den Titel ausgewählt, weil sowohl Thema als auch Leseniveau passten. Außerdem gibt es eine nett gemachte Handreichung für die Lehrkräfte, sodass ich diesmal nicht alles selbst erstellen musste, wie bei so manch anderen Lektüreprojekten in der Vergangenheit (siehe A Prayer for Blue Delaney und North by Night)

Den meisten hat die Geschichte gefallen, sie hatten aber viele Anmerkungen, was sie von der Geschichte noch erwartet hätten. Bei manchen Schülern fiel mir außerdem auf, dass sie ein weitaus höheres Leseniveau hatten und damit an vielen Stellen unterfordert waren. Das kann natürlich sehr schnell zu Langeweile führen.

Mein allgemeiner Eindruck war aber, dass ihnen das Lesen „gut tat“. Ich merkte eine Verbesserung der Schreibkompetenz und auch beim Wortschatz. Ich wollte also, unabhängig vom Schulcurriculum und unseren Beschlüssen, noch ein Buch mit dem Kurs lesen. Doch dieses Mal sollte es anders werden: Nicht ich wollte entscheiden, sondern die Schüler sollten sich ihre Lektüre selbst aussuchen.

Die Reaktionen waren interessant: Stöhnen, als ich verkündete, dass ich noch ein Buch mit ihnen lesen wollte, JAAA!-Rufe, als ich sagte, dass sie es sich selbst aussuchen konnten und wir keine Arbeit darüber schreiben würden. Es bewahrheitete sich also die Aussage von Gary Armida auf seinem Blog The Teacher and The Admin: „If we want kids to become better readers, we must give them choice.“

Die einzige Vorgabe, die ich machte: Das Buch soll um die 150 Seiten haben, nicht weniger, gerne mehr, aber kein „Schinken“ sein – ich muss sie ja schließlich auch alle lesen.

Vor den Osterferien habe ihnen von allen Verlagen die Lektüre-Kataloge gegeben, die sie sich in Ruhe anschauen konnten. Ebenso habe ich einige Bücher aus meiner „eigenen Bibliothek“ zur Ansicht mitgebracht, sodass sie insgesamt zwei Stunden Zeit hatten, sich ein paar Bücher anzulesen, die Zusammenfassungen anzuschauen und auch die Hinweise zu den sprachlichen Niveaus und den Seitenzahlen genau zu studieren. Am letzten Tag vor den Ferien fragte ich dann ab, welches Buch sie verpflichtend lesen wollten. Sie konnten sich das Buch dann über die Ferien besorgen oder mir sagen, ob sie es aus „meiner“ Bibliothek ausleihen wollten. Sie konnten, aber sollten es noch nicht über die Ferien lesen, sodass wir gemeinsam starten und ich nach den Ferien meine Ideen vorstellen konnte.

Was ich schon länger ausprobieren wollte, sind sogenannte Book Snaps, die die amerikanische Lehrerin Tara M. Martin konzipiert hat. Anfangs auf Snapchat beschränkt, zeigt sie auf ihrem Blog viele weitere mögliche Apps, mit denen Schüler diese Snaps erstellen können. Die Videos zu Snapchat und Google Slides habe ich auch meinen Schülern per QR-Code zugänglich gemacht, sodass sie selbst sehen können, wie sie sie erstellen können.

Die zweite und letze Vorgabe von mir lautet also: Erstelle mindestens drei Snaps von dem Buch, das du gerade liest, und lade das Bild in unseren gemeinsamen Google-Ordner hoch, sodass sich alle Schüler alle Snaps ansehen können.

Darüberhinaus können sich die Schüler nun in den kommenden Wochen überlegen, ob und welche sonstige „Prüfungsleistung“ sie erbringen wollen. Damit sie eine Inspiration bekommen, habe ich ihnen zwei Bilder von Arbeiten gezeigt, die ich bei We Are Teachers gefunden habe:

Ich bin gespannt, was sie sich aussuchen. Bisher kann ich sagen, dass sie sich wirklich mit dem Buch beschäftigen, schon eine kurze mündliche Zusammenfassungen von dem geben konnten, was sie gerade lesen, und auch sagten, dass sie sprachlich gut mit den Texten zurecht kommen. Das ist mir besonders bei den Büchern wichtig, die eigentlich von der Sprache her für die 10. Klasse ausgegeben sind. Einige haben auch schon freudig erzählt, dass sie bereits einige BookSnaps erstellt haben und sich noch entscheiden müssen, welche sie hochladen. Für folgende Bücher hat sich die Klasse entschieden:

  • The Notes 1 – The Most Beautiful Moment In Life – BTS
  • Diary of a Wimpy Kid – Jeff Kinney
  • Diary of a Wimpy Kid 5 | The Ugly Truth – Jeff Kinney
  • Diary of a Wimpy Kid 8 | Hard Luck – Jeff Kinney
  • Diary of a Wimpy Kid 10 | Old School – Jeff Kinney
  • Diary of a Wimpy Kid 12 | The Getaway – Jeff Kinney
  • Hidden Figures – Margot Lee Shetterly
  • Holes – Louis Sachar
  • Maze Runner – James Dashner
  • Speak – Laurie Halse Anderson
  • The Wizard of Oz – L. Frank Baum
  • Warriors – Into the wild – Erin Hunter
  • Wonder – R. J. Palacio

Da diese Leseeinheit ja nur „on top“ läuft, habe ich mich für folgende Organisation entschieden: Wir haben pro Woche zwei Englisch-Stunden je 70 Minuten. In einer Stunde der Woche sind die ersten 30 Minuten (je nach Aufwand vielleicht auch 40 MInuten) fürs Lesen und das Arbeiten mit dem Buch reserviert. Hier können sie sich mit anderen Schülern, die das gleiche Buch lesen, austauschen und/oder mit mir Probleme, Fragen und Ideen besprechen und ihre BookSnaps erstellen. In den restlichen Stunden widmen wir uns dem normalen Englischbuch und lernen noch Hermann in Missouri sowie Atlanta in Georgia kennen und lernen noch ein bisschen englische Grammatik 😉

Falls ich ein paar BookSnaps veröffentlichen darf, werde ich in den nächsten Wochen hier noch ein paar zeigen.

Wie macht ihr es denn bei euch? Lasst ihr auch individuell lesen? Bei Instagram habe ich schon gehört, dass es manche z.B. in Deutsche nur noch so machen…

4 Kommentare

  1. Wunderbarer Hinweis! Ich kannte die Book Snaps bislang nicht, bin aber ganz wild darauf, sie in meiner (deutschen) außerschulischen Leseförderung mit älteren Kindern auszuprobieren. Leserollen mit den Kleinen … und nun quasi „Leserolle 2.0“.

    Herzlichen Dank für diese Anregung
    und beste Grüße aus Berlin
    Bianka

  2. Gerade auf diese Seite gestoßen – Danke für die vielen interessanten Anregungen!

    Zum „Individuellen Lesen“: Ich wollte meinen Sechstklässlern als letztes Thema im Mai und Juni einen Rundumschlag zur British History (im weitesten Sinne, incl. z.B. Legenden wie Robin Hood) gönnen und der Linearität und Exemplarität des Buches entfliehen (das im Wesentlichen Romans in Britain und die Sage um King Arthur beinhaltete).

    So haben die SuS in Partnerarbeiten jeweils ein Geschichtsthema bearbeitet und dazu (allerdings analoge) Plakate erstellt, die ihre Lektüreerfahrungen (von englischen Kinderbüchern und ESL-Lektüren) und basales Internetwissen aufarbeiteten, vergleichend gegenüberstellten und dazu Wortschatzhilfen gaben. Dazu gehörte dann auch: Ist es Teil der realen britischen Geschichte, oder nur als Sage tradiert?, Einstieg ins Summary Writing, wiederholende Übung zur Methodenkompetenz in der Internetrecherche (auf Englisch „Forschungs“-W-Fragen stellen und beantworten) etc. Die Rechercheergebnisse mussten dann (NRW-Klassenarbeitsäquivalenz) noch in einem Kurzvortrag präsentiert werden, der einen Überblick über die geleistete Arbeit, ausgewählte Ergebnisse, Schwierigkeiten und Gefallen gab.

    Insgesamt würde ich das wieder so machen, brauche dann für mich aber mehr Kontrolle über den Leseprozess, der jetzt seeeehr offen gestaltet war (aber als Einstieg für Sechstklässler vielleicht auch nicht verkehrt). Schöner Nebeneffekt war für mich das Erfahren von Unterschiedlichkeit in Internet und Buch, wichtige Vorstufe zu „Informationen prüfen und nicht direkt dem ersten Suchtreffer glauben“. Die ausgewählten Themen (u.a. „Great Fire of London“, „Guy Fawkes“, „Titanic“, „Vikings in Britain“) kamen gut an. Besonders gefreut habe ich mich darüber, dass eine Gruppe sehr viel Freude am Leben im Mittelalter anhand einer vereinfachten Version zu Chaucers „Canterbury Tales“ hatte…

    Mankos:
    – Leider gab es nicht zu allen Themen, die ich relevant und „nicht so trocken“ fand, Belletristik-Lektüren (dann bin ich auf englische Kinder-Sachbücher ausgewichen).
    – Zur Neueren und Neuesten Geschichte (z.B. Brexit) habe ich kaum Bücher gefunden, die alters-, sprachniveau- und unterrichtszeitgerecht waren. Mit King Arthur bin ich dagegen erschlagen worden.

    Der Schwierigkeitsgrad der Lektüren war sehr unterschiedlich, aber auch diese Offenheit kam generell eher gut an, selbst wenn einige ihr Buch zu einfach fanden (zu schwer kam eher nicht vor). Allerdings ist das Leistungsspektrum meiner Klasse eher gut und ich habe auch Fast-Muttersprachler. Ausweichungen nach unten gibt es aber auch. Schwieriger ist eher die Sorgfalt bei der Arbeit mit Sinn fürs Ästhetische (insb. Plakatdesign) 😉

    • Hallo Fabian, vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar!

      Schön auch, wie du es umgesetzt hast. Ich wollte diesmal ja gerade die Hürden, Vorgaben und Regeln abbauen, sodass es wirklich ums Lesen geht. Interessant war auch, dass es völlig ok war, dass ich NICHT alle Bücher gelesen hatte, so wie ich es eigentlich vor hatte. Dazu fehlte mir einfach die Zeit. Umso mehr konnte ich aber mit Spannung verfolgen, was die Schüler erzählten und als Book Snaps produzierten. Einfach mal locker lassen bringt (auch) echt gute Ergebnisse 😉

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