Schulstart in NRW

Es ist Sonntag, der 23. August 2020. Zwei Wochen „in der Schule Sein“ liegen hinter mir. „Erst zwei Wochen?“ höre ich mich innerlich fragen, denn die Erschöpfung ist nicht zu leugnen. Selten, vielleicht auch nie, habe ich den Beginn des neuen Schuljahres als so anstrengend empfunden. Gleichzeitig freue ich mich aber auch sehr über den Unterricht, über die Schüler:innen und Kolleg:innen und ein klitzekleines bisschen geregelten Arbeitsalltag. In dem folgenden Bericht möchte ich über Einschulung, Maskenpflicht, Frontalunterricht und „Lüftungsmaßnahmen“ sprechen – „the real deal“, also, so wie ich es gerade erlebe.

Sommerferien – Die Vorbereitung

Normalerweise (wahrscheinlich wird dieses Wort ein bisschen öfter vorkommen) bereite ich in den Sommerferien mein Schuljahr immer so gut es geht vor, sodass ich eine grobe Jahresplanung habe, ungefähr weiß, wie viele Stunden mir zur Verfügung stehen, welche inhaltlichen Aspekte ich besprechen und welche davon ich vertiefen möchte und welche methodischen Kompetenzen ich bei/mit den Schüler:innen ausbauen möchte. Die ersten Unterrichtsreihen in jedem Fach sind dann meist auch so vorbereitet, dass ich anfangs alles kopieren kann, was ich benötige und ich so vor allem die ersten Wochen, in denen es ja auch viel Organisatorisches zu tun gibt, entlastet bin.

Eigentlich versuchte ich das in diesen Ferien auch, merkte aber schnell, dass ich an meine Grenzen kam, weil einfach zu viele Faktoren ungewiss waren. Wie sieht es mit kooperativen Lernformen aus, sprich, dürfen die Schüler:innen auch in Gruppen zusammenarbeiten, dürfen sie die Tische umstellen, dürfen sie Material teilen? Hinzu kam der Gedanke, wie lange man überhaupt Unterricht vor Ort machen könnte. Also habe ich, was mir gar nicht gefiel, nur thematisch geplant, sodass ich ungefähr weiß, was ich wann machen will. So gefühlt „unvorbereitet“ hatte ich mich schon lange nicht mehr gefühlt.

Die letzten Tage vor dem Schulstart

Wir Lehrkräfte waren vorgewarnt worden, dass wir uns in der letzten Schulwoche bereithalten sollten, je nachdem, wie sich die Situation entwickelt und welche Konzepte eventuell noch erarbeitet werden müssten. Von Anfang an war klar, dass wir den Montag (und auch den Dienstag) vor dem Eintreffen der Schüler:innen am Mittwoch vor Ort sein würden.

Aufgrund der eigenständigen Planungen der Schulleitung und wahrscheinlich auch wegen immer noch unberechenbarer Faktoren mussten wir Lehrkräfte in Gänze doch erst zur Konferenz am Montag erscheinen. Aufgrund der Infektionsschutzmaßnahmen fand die Konferenz in der Turnhalle statt, sodass wir alle mit genügend Abstand voneinander sitzen konnten. Das hieß aber auch, dass wir keine Tische zur Verfügung hatten und die sowieso schon spezielle Turnhallenluft durch die Temperaturen in der Woche noch etwas spezieller war.

Dennoch wollte ich ausprobieren, wie ich es aushalten würde, mehrere Stunden mit Maske in dieser Hitze und dieser Situation zu verweilen. Kurz vorher war schließlich die Maskenpflicht für NRW verkündet worden (was ich in Anbetracht des angestrebten Regelbetriebs mit 30 Kindern in einem Raum für mehrere Stunden durchaus positiv ansah / ansehe). So tapfer wie ich mich auch fühlte, ein paar kurze Male musste ich die Schutzmaske, die ich für diesen Tag ausgewählt hatte, abnehmen, weil mir tatsächlich so schwindelig wurde, dass ich zwischenzeitlich dachte ohnmächtig zu werden. Die Maske würde es also nicht für den Unterricht sein…

Neben den ganzen organisatorischen Dingen, die vor allem zu Beginn eines Schuljahres bei einer Lehrerkonferenz anstehen, gab es natürlich einen großen Block „Schulstart unter Corona-Bedingungen“. Dazu hatte ich auch eine Story bei Instagram gemacht, die ich hochgeladen und die man sich 🎥 hier als Video anschauen kann. Kurz und knapp zusammengefasst:

  • keine Gruppenarbeit
  • kein Teilen von Material
  • feste Sitzpläne
  • Fenster und Türen durchgängig geöffnet
  • Trinkpausen im Raum erlaubt (nach Ermessen der Lehrkraft)
  • Sportunterricht nur im Freien
  • spezielle Zeitfenster für die Benutzung der Cafeteria

Der nächste Tag war dann vor allem der Digitalisierung gewidmet. Hier hat sich unser kleines „Digi-Team“ getroffen, um die Gedanken, die bereits vor und in den Ferien entwickelt wurden, zu sammeln und daraus ein Konzept vorzubereiten, wie wir vorgehen werden, wenn Corona-Fälle bei uns auftreten. Folgende Szenarien haben wir vorerst geplant:

  1. Vorerkrankte Schüler:innen
    → werden digital beschult; erhalten und bearbeiten Aufgaben über IServ, erhalten darüber auch die Rückmeldung
    → perspektivisch wird geprüft, ob man diese Schüler:innen eventuell live zum Unterricht vor Ort dazuschalten könnte
  2. Schüler:innen in Quarantäne
    → werden behandelt wir „normal“ erkrankte Schüler:innen; erhalten Aufgaben und bearbeiten diese selbständig
  3. Einzelne Klassen im Lockdown
    → werden nach Stundenplan digital unterricht; Lehrer:innen halten Videokonferenzen, sind zur eigentlichen Stundenzeit online, stellen und beantworten Fragen, erteilen Arbeitsaufträge
  4. Schule im Lockdown
    → Situation wie vor den Sommerferien; Aufgaben über IServ, Vidoekonferenzen nach Terminvereinbarung

All diese Überlegungen werden ein bisschen von uneindeutigen Grauzonen und „nicht abschließend geklärten“ Fragen zum Datenschutz beeinflusst und überschattet, könnte man sagen. Eine Übersicht, ebenfalls „nicht abschließend geklärt“ 😉, bietet die LDI NRW zum Thema Corona und Schule (Stand 18.05.2020).

Einschulung der neuen Fünftklässler:innen

Bereits vor den Ferien war klar, dass wir die Einschulung in mehreren Etappen vornehmen würden, egal, wie sich die Corona-Situation bis dahin entwickeln würde. Die Eltern, die neuen Schüler:innen und auch die neuen Klassenlehrer:innen brauchten an dieser Stelle wirklich eine Form von Planungssicherheit.

So verteilten sich die Zeremonien auf zwei Tage und jede Klasse hatte ein Zeitfenster von zwei Stunden. Auf dem Schulhof wurde ein Einbahnstraßenprinzp eingeführt und die Feierlichkeiten fanden draußen statt (als Schlechtwetter-Option galt die große Turnhalle).

Einschulung der Klassen 5 am 12.08.2020

Für jede Familie waren insgesamt vier Plätze vorgesehen (inkl. Schulkind), die mit ausreichend Abstand auf dem Schulhof aufgestellt wurden. Der Schulleiter hielt eine kurze, schöne Rede und die Erprobungsstufenleiter erklärten den Ablauf und stellten sowohl die Klassenleitungsteams als auch die Paten vor. Abgerundet wurde die Zeremonie durch kleine musikalische Einlagen und Mitmachspiele und die (eingeschränkte) Bewirtung durch die Schulpflegschaft und den Förderverein.

Die einzelnen Klassen der neuen Fünftklässler:innen wurden in drei Gruppen aufgeteilt und durchliefen so mit jeweils einer Klassenlehrerin und den beiden Patinnen insgesamt drei Stationen: Klassenraum mit organisatorischen Dingen wie Stundenplan und Co, Fotos für den Schülerausweis und eine kleine Schulrallye.

So war die Einschulung trotz der Umstände eine schöne Sache!

Unterricht unter Corona-Bedingungen

Da es ja keine Gruppenarbeit geben darf und es feste Sitzpläne geben muss, wurden alle Klassenräume umgestellt – alle Tische stehen in Reihen nach vorn gerichtet.

Der Klassenraum meiner 5a in Frontal-Ausrichtung

Die Schüler:innen waschen sich morgens, wenn sie in der Schule ankommen, und nach der großen Pause die Hände und nutzen das bereitgestellte Desinfektionsmittel zwischndurch. Für meine Fünftklässer habe ich Hygieneregeln und eine kleine Waschanleitung im Klassenraum angebracht und erstere auch als kleines Arbeitsblatt für sie ausgedruckt. Die Cliparts der Regeln sind von Frau Blondin und die Anleitung ist aus dem Material vom Doodleteacher (beides übrigens kostenlos).

Hygieneregeln und Anleitung zum Händewaschen

Trotzdem versuchen wir natürlich uns alles so gemütlich wie möglich zu machen: Ein bisschen Deko am Pult und auch an den Wänden – die ist noch in Arbeit 😉

Im Unterricht selbst tragen wir alle unsere Maske – ich inklusive. Ganz selten nutze ich meine „pädagogische Ausnahme“, um tatsächlich im Englisch- oder Latein-Unterricht z.B. manche Wörter oder Töne nochmals genauer zu zeigen. Dann trete ich wirklich sehr weit zurück und meist in Richtung Fenster, kündige es an, mache es vor und setze dann die Maske auch direkt wieder auf. Es klappt viel besser als ich dachte, ich konnte sogar schon einen Vokabeltest mit Maske diktieren.

Die Nachteile sind bei uns allen ähnlich: Man bekommt schnell einen trockenen Mund bzw. so etwas wie Halsschmerzen sowie nach einer gewisser Zeit auch Anzeichen von Kopfschmerzen. Wenn ich nach Hause komme, merke ich, dass ich außerdem viel erschöpfter bin – vielleicht, weil ich mich mehr anstrengen muss zu atmen und weil ich lauter sprechen muss. Meist legt sich das nach einer Stunde, wenn ich viel getrunken und die Maske eben eine gewisse Zeit nicht mehr auf hatte.

Die Schüler:innen sind erstaunlich diszipliniert, wie ich finde. Manche Masken sitzen einfach schlecht, sodass ich öfter darauf hinweisen muss, dass die Nase wieder zu sehen ist. Ansonsten halten sie sich sehr gut daran. Wenn wir im Raum, vor allem bei diesen Temperaturen, eine kleine Trinkpause machen, wissen sie, dass sie dafür die Maske kurz abnehmen können, dann aber nicht sprechen, lachen oder sich umdrehen dürfen. Sie trinken ein, zwei Schlücke und setzen die Maske dann wieder auf.

Mit meinen Kleinen gehe ich manchmal auch für fünf Minuten auf den Schulhof – IN der Unterrichtsstunde. Dann nehmen sie ihr Getränk mit und können – MIT ABSTAND! – den Schulhof mal kurz für sich haben, die Maske abnehmen und „lüften“. Normalerweise müssen sie sich sonst auch in den Pausen an ihre zugeteilte Zone halten:

Elternabend

Auch der Elternabend für die Fünftklässler fand direkt in den ersten Tagen statt. Diese wurden ebenfalls vor den Ferien unter Corona-Bedingungen festgelegt und fanden in der Turnhalle oder der Aula statt. So konnten bei Bedarf beide Elternteile kommen und trotzdem konnten alle mit Abstand von einander Platz nehmen.

Neben den üblichen Dingen wie Wahlen, Unterrichtsinhalten und Informationen wie zB zu Beurlaubungen stellen sich hier auch nochmals die Schulleitung, der Förderverein und die Betreuung für den Nachmittag vor.

Meine Teampartnerin und ich versuchten auch hier so nahbar wie möglich zu sein wie es eben mit Maske und Infektionsschutz geht. Der ein oder andere Scherz, auch auf Kosten von Corona, fand seinen Platz, was die Atmosphäre etwas auflockerte und ein gutes Kennenlernen trotz der Umstände ermöglichte.

Flexibilität und Anpassung

Die erste komplette Woche ist also um. Die Rahmenbedingungen sind von Ministerium, Schulträger und Schulleitung vorgegeben. Dennoch sind es vor allem theoretische Überlegungen, die in der Praxis umgesetzt und so unweigerlich auch immer wieder an die jeweilige Situation angepasst werden müssen. Das muss auch ich als Organisations- und Strukturfan lernen und meine Regeln und Routinen anpassen. Das versuche ich meinen Schülern zu erklären und dabei immer wieder klar zu machen, dass wir alle in einem Boot sind und nur unbeschadet durch die Pandemie kommen, wenn wir zusammenhalten – mit dem nötigen Abstand 😉 – und auch die Regeln so gut es eben geht einhalten.

Das braucht viel Energie, Aufmerksamkeit und Gelassenheit – und Kaffee zum Wachbleiben. Denn zu organisieren gibt es jeden Tag immer etwas!

Wie sieht es bei dir an der Schule? Wie ist es bei deinen Kindern geregelt? Lasst gern einen Kommentar da!

1 Kommentar

  1. Liebe Nina Toller,

    Ihr Beispiel ist sehr inspirierend, einerseits weil sie super sympathisch und nachvollziehbar schreiben,
    andererseits weil Verena Pausder Sie nennt und bewundert und drittens /anderer-andererseits, weil sie schreiben: Es läuft besser als gedacht (wenn man es erstmal macht)!

    Hätten Sie auch Lust und 20-25 min Zeit, einigen Eltern von Bosch mal in einem Interview mit mir oder frei zu dem, was Sie am wichtigsten finden in dem ganzen Mit-(&teilweise Gegeneinander), für die Kinder zum Beispiel?

    Ich würde mich sehr freuen, hab andersrum allerdings auch Verständnis, wenn Sie nein schreiben oder sagen!
    Ich liebe es einfach und bin überzeugt: Von Positivbeispielenmin (Selbst-)Reflexion und Handlung kann man noch mehr lernen denn aus vielem anderem!

    Von Herzen, Anja Sprecher
    Bosch Strategische Personalerin
    mit Hang zu Werten, Ausprobieren, Good Practices und
    tollen Beispielen im Interview 😉
    aus Stuttgart-Feuerbach bzw Esslingen

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