Praktischer Distanzunterricht – 1 Grundlagen

Auch im neuen Jahr 2021 stellen die Corona-Maßnahmen die Schulen vor Herausforderungen. Weiterhin ist zumindest phasenweise mit Distanzunterricht zu rechnen. Viele Schulen haben Konzepte formuliert, aber viele Lehrkräfte sind sich noch immer nicht ganz sicher, was sie genau machen können – oder auch, wo sie anfangen sollen.

Daher bekomme ich häufig Nachrichten mit Fragen, was man am besten machen könnte, welche Tools es gibt und wie man dieses Lernen auf Distanz organisieren könnte. Ich versuche meine Ideen und Erfahrungen hier strukturiert wiederzugeben.

Hier ist also Teil 1 der Reihe Praktischer Distanzunterricht – Grundlagen

Kommunikation – Das A und O

Als allererstes sollte der Weg der Kommunikation festgelegt werden. Viele Schulen haben bereits eine Art Lernplattform, die mal mehr, mal weniger aktiv genutzt wird. Mache dich mit den Möglichkeiten vertraut! Gibt es E-Mail-Adressen für alle, eine Chat-/Messenger-Funktion oder auch die Möglichkeit, Gruppen anzulegen?

Ein Beispiel aus meiner Erfahrung: Wir nutzen IServ an der Schule. Wenn viele Schüler:innen und Lehrkräfte gleichzeitig auf die Plattform zugreifen, kann ich kaum E-Mails verschicken und erst recht keine Anhänge anfügen. Wenn ich aber den Messenger nutze, kann ich meist ohne Probleme alle Schüler:innen erreichen.

Probiere daher mehrere Möglichkeiten aus. Hilfestellungen zu den verschiedenen Modulen bei jedem Anbieter gibt online viele. Hier zwei Beispiele:

  • Erklärvideo für die Nutzung des Messengers in IServ
  • Erklärvideo für die Nutzung von Einzel- und Gruppenchats in MS Teams

Wenn man noch gar keine Grundlage hat, empfehle ich einen Messenger wie Signal. Dieser gilt auch bei Datenschutzbeauftragten als einer der sichersten Messenger und ist kostenfrei. Er ist außerdem sehr einfach aufgebaut und orientiert sich an den gängigen Messengern, sodass auch jüngere Schüler:innen / unerfahrene Personen schnell damit zurechtkommen werden. Auf ganz niedrigschwelliger Ebene kann ich über den Dienst beispielsweise den Schüler:innen einfach das Foto von der Aufgabenstellung senden und ihnen sagen, bis wann die Aufgabe erledigt sein sollte. So kann man sich auch in der App zu einem bestimmten Zeitpunkt wieder verabreden, um z.B. Lösungen zu vergleichen.

Fazit 1: Lege einen Kommunikationskanal fest.

Dieser dient als „Treffpunkt“. So wissen alle, wo sie Informationen finden und welche weiteren Werkzeuge evtl. im Anschluss genutzt werden.

Zeitliche Absprachen – Flexibel oder Stundenplan?

Diesen Punkt müsst ihr eigentlich als Schule festlegen: Gibt es ein Konzept für das Lernen auf Distanz, das vorsieht, dass die Schüler:innen nach Stundenplan beschult werden oder legen die Lehrkräfte / Eltern / Schüler:innen dies selbst (evtl.) gemeinsam fest?

Als gute Orientierung dient die Broschüre Handreichung zur lernförderlichen Verknüpfung von Präsenz- und Distanzunterricht (PDF), die von Expert:innen und Lehrkräften in NRW erstellt wurde (Achtung, ist ein etwas längeres Dokument…).

Option A: Die Schüler:innen werden nach Stundenplan unterrichtet.

Diese Regelung bietet auf den ersten Blick eine gute Tagesstruktur, alle Fächer kommen zum Einsatz und alle Beteiligten erleben eine Art der Verlässlichkeit des Unterrichts. Aber: Verabschiede dich bitte von der Illusion, dass alle die komplette Zeit in Videokonferenzen verbringen könnten und so der Unterricht online „abgebildet“ werden könnte. Das schaffen weder die Kinder noch die Lehrkräfte!

Bei dieser Option ist eine enge Absprache zwischen den Lehrkräften – mindestens einer Klasse – also unabdingbar! Ein etwas radikales Beispiel:

Wenn drei Mal in der Woche Mathe auf dem Stundenplan steht, gibt es nur eine echte Videokonferenz von ca. 30-40 Minuten, in den anderen Stunden arbeiten die Schüler:innen selbständig, in Partner- oder Gruppenarbeit und die Lehrkraft steht als Ansprechpartner zur Verfügung. Kurze Einheiten von ein paar Minuten können natürlich auch per Video eingesetzt werden, aber keine ganze Stunde.

Hintergrund: Gerade am Anfang tendieren viele Lehrkräfte dazu, die komplette Schulstunde als Videokonferenz einzuplanen. Diese wird dann aber schnell zur Vorlesung, weil die Situation ungewohnt ist. Wenn die Kinder – und Lehrkräfte – das mehrere Stunden hintereinander „aushalten“ müssen, macht das schnell müde. Daher plädiere ich für die enge Absprache: so haben die Schüler:innen vielleicht pro Tag eine komplette Videokonferenz in „Frontalform“ und können in den anderen Stunden aber Teilaufgaben selbständig bearbeiten.

Um eine einfache Absprache möglich zu machen, kann auch wieder die Lernplattform dienen. Hier können die Lehrkräfte der Klasse z.B. vom Klassenleitungsteam in ein Dokument eingeladen werden und in dem Stundenplan festlegen, wer wann die „komplette“ (oder lange) Videokonferenz hält. Wer noch kein System zur Verfügung hat, kann zum Beispiel ein ZUM-Pad nutzen. Das ist ein kostenloses, öffentliches Etherpad, also ein Textdokument, in das alle gleichzeitig ohne Anmeldung anonym schreiben können. Hier habe ich das Tool bereits genauer vorgestellt.

Option B: Die Schüler:innen arbeiten eigenständig ohne vorgegebenen Stundenplan

Diese Regelung kann auf den ersten Blick mehr Freiheit bieten, braucht aber auf der Seite der Lernenden Selbstorganisation und Zeitmanagement. Hier musst du als Lehrkraft unterstützen und Anregungen geben, wie so ein Tages- oder Wochenplan aussehen kann. Am besten ist es, hier auch die Eltern mit einzubeziehen. Diese „Arbeit“ muss vor allem zu Hause stattfinden, sodass Schulkinder und Eltern sich organisieren können – und es am besten schriftlich festhalten!

Auf Instagram geben mehrere erfahrene Leute dazu Tipps:

  • Saskia aka @liniert.kariert stellt in ihrer Story, mittlerweile den Highlights, die fünf Impulse fürs Distanzlernen vor
  • Natalia aka @hauptfach_mensch will vor allem die Tagesstruktur und Aufgaben als Familie verbessern

Nicht zu vernachlässigen sind auch bei dieser Planung die Pausen. Nur, wer den Kopf zwischendurch frei hat, kann sich gut konzentrieren. Bei der Erstellung dieses Plans sind vor allem „wiederkehrende Aufgaben“ interessant. Diese kann man sich auf Haftnotizen schreiben und dann an einer freien Wand organisieren, entweder im Wochenraster oder nach „Zu tun“ und „Erledigt“ – oder auch „in Bearbeitung“:

DIese Methode ist ein sogenanntes „Kanban-Board“ | By Jeff.lasovski – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19121595

Digital kann man das ganz klassich in einer Tabelle in einem Programm für Textverarbeitung (Word, Pages, …) oder für Tabellenkalkulation (Excel, Numbers, …) machen. Eine fortgeschrittene, aber einfache Variante sind diverse Kalender, sei es der von Outlook, iCal oder Google. Man kann aber auch diverse Apps wie ToDoIst oder Trello nutzen. Hier kann man die Übersicht noch stärker in den Vordergrund stellen und die Aufgaben flexibler auf dem Handy schieben oder ändern.

Fazit 2: Schaffe eine strukturierte Wochenübersicht.

Probiere mehrere Varianten aus, bis du die für dich passende Methode hast. Mit dem Plan hast du alle Aufgaben im Blick und kannst entspannter alles anpacken.

Geräte und Infrastruktur – alles verfügbar?

Wenn die Schule dies noch nicht getan hat, frage selbst deine Klassen ab: Welche Geräte haben sie zu Hause, welche können sie immer benutzen, worauf haben sie nur manchmal Zugriff? Haben sie einen funktionierenden Drucker? Haben sie WLAN zur Verfügung und wenn ja, wie ist die Bandbreite? Haben sie einen ruhigen Raum zur Verfügung? Haben sie schulpflichtige Geschwister?

Am besten ist, du fragst diese Dinge jede:n Schüler:in einzeln, nicht in einem Gruppenchat, wo es alle sehen können. Doch erst, wenn du diesen Überblick hast, kannst du den Unterricht planen. Wenn 28 von 30 Kindern keinen funktionierenden Drucker zu Hause haben, lohnt es sich nicht, noch so toll gestaltete Arbeitsblätter zu versenden. Also musst du deinen Unterricht z.B. darauf auslegen, dass die Schüler:innen nur ihr Handy zur Verfügung haben – und vielleicht sogar nur ihr Datenvolumen nutzen können.

Wie ich es sonst mache:

Am Anfang des Schuljahres, also frisch nach den Sommerferien, mache ich diese Abfrage immer in meinen Klassen, vor allem den neuen Lerngruppen. Um sie besser kennenzulernen, füllen sie eine Art Steckbrief aus.

Ein kleiner Teil davon betrifft auch die Ausstattung zu Hause. ☞
Hier in der 5. Klasse habe ich einfach Emojis als Bildsymbole genutzt, die sie dann abhaken konnten – oder ein X nutzten, wenn sie es nicht besitzen.

Du kannst diese Abfrage ganz einfach über E-Mail oder Direktnachricht machen. Damit die Schüler:innen nichts vergessen, gib ihnen eine Struktur vor, die sie in die Antwort kopieren und dann z.B. mit einem Haken ✔︎ versehen können. Wenn du direkt einen Überblick über alles haben möchtest, könntest du Umfragetools wie Doodle oder Surveymonkey nutzen. Hier kannst du die Kategorien wie „Handy, PC/Laptop, Drucker“ statt der Termine vorgeben und die Schüler:innen können ankreuzen, was sie alles haben. Ein zusätzliches Feld für Bemerkungen gibt ihnen die Möglichkeit Besonderheiten anzugeben, z.B. dass die Eltern ebenfalls im Home Office arbeiten und daher der Drucker/Laptop/o.ä. vormittags belegt ist.

Fazit 3: Kenne die Ausstattung deiner Schüler:innen zu Hause.

So weißt du, welche Aufgaben du stellen und welche „Lösungen“ du erwarten kannst.

Das waren die Grundlagen. Im nächsten Teil stelle ich dir die Tools vor, die man einsetzen kann. Wenn du magst, kannst du dich bereits an der Umfrage auf meinem Kanal bei Instagram beteiligen.

Beitragsbild: https://pixabay.com/de/illustrations/lehrer-tablette-mathematik-bildung-5635919/ | Icons made by Nhor Phai from www.flaticon.com

8 Kommentare

  1. Liebe Nina,
    das sind wieder ganz tolle Anregungen! Manches habe ich genau so schon umgesetzt, anderes werde ich austesten. Ich frage mich nur immer: Wann erstellt sie bloß die ganzen Videos und Informationen auf ihrer Seite/bei Instagram/auf YouTube??? 😳
    Wieder einmal ganz herzlichen Dank für Deine Arbeit!
    Herzliche Grüße
    Sandra
    @thistle_whisky

  2. Hallo Nina,
    vielen Dank für die wertvollen Anregungen.
    Mittlerweile fühle ich mich schon ziemlich fit, die Schülerinnen und Schüler auf Distanz in verschiedener Weise gut zu erreichen (mit Microsoft teams). Allerdings habe ich noch keine gute Lösung für den „Hybridunterricht“. Die Woche vor Weihnachten haben nach meiner EInschätzung viele Kolleginnen und Kollegen an meinem Gymnasium, wo die Jg. 5-7 gleichzeitig in Präsenz und auf Distanz unterrichtet werden mussten, als sehr negativ erlebt. Wahrscheinlich wird es weiterhin solche Modelle in den nächsten Monaten geben. Hier brauche ich noch mehr Unterstützung. Vielleicht hast du ja hier auch Ideen (du hast ja manchmal ganz viel Zeit….😉)

    • Haha, Reiner, erwischt 😉 Manchmal nehme ich mir dann auch einfach die Zeit irgendwie…

      Du hast aber Recht, der Hybridunterricht, vor allem in diesem Hau-Ruck-Verfahren in der Woche vor Weihnachten war wenig zufriedenstellend. Ich schätze wirklich vor allem deswegen, weil man keine Vorbereitung hatte und völlig überrumpelt war.

      Ein Erfolgsrezept habe ich da auch noch nicht, aber ein paar Ideen kann ich bestimmt in den nächsten Tagen teilen!

      Viele Grüße
      Nina

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