Praktischer Distanzunterricht –

3 Unterrichtsszenarien

Diesen Beitrag habe ich mit meiner „Online-Kollegin“ Anika Osthoff gemeinsam verfasst, die ich aus dem #Instalehrerzimmer gut kenne. Anika (Instagram: @lehrermutterleben) ist 42 Jahre alt, Lehrerin für Deutsch und Englisch an einem Gymnasium in NRW und Mutter von zwei Kindern (11 und 5 Jahre alt).

Foto: Dominik Asbach

Nach den Grundlagen und den Tools ist hier also Teil 3 der Reihe Praktischer Distanzunterricht – Unterrichtsszenarien

Nina:

Wie bereits in Teil 1, den “Grundlagen”, beschrieben, braucht es diesmal vor allem eine gute Struktur und zwar für alle: Schüler, Lehrkräfte und Eltern. Wenn die Schule diese Struktur nicht vorgibt, habe ich dort bereits ein paar Tipps zusammengestellt, wie man seine eigene Struktur schaffen kann.

Im Frühjahr hat sich nämlich gezeigt, dass zwar gar nicht wenige Schüler es auch mal ganz gut fanden, sich selbst die Zeit einzuteilen, mal länger als nur eine Schulstunde an einem Thema zu arbeiten und auch mal ein bisschen später morgens anzufangen.

Die Rückmeldung von Vielen, vor allem Eltern, war aber, dass ihre Kinder „bis in die Puppen wach sind“ und dann den halben Tag verschlafen.

Wir haben uns daher als Schule gedacht, dass wir ihnen dieses Mal die Struktur vorgeben und den Stundenplan als Raster ansetzen. Damit haben sie nicht nur einen Tagesplan, sondern auch ein Zeitgerüst, z.B. wie lange sie mit einer Aufgabe verbringen. Besonders motivierte und leistungsstarke Schüler hatten sich manchmal im Frühjahr ein bisschen verausgabt und nach ein paar Wochen festgestellt, dass sie diese Menge nicht leisten können.

Auch für die Lehrkräfte ist das eine Orientierung: die wenigsten Lehrer sind daran gewöhnt, Aufgaben für eine ganze Online-/Distanz-Stunde so zu stellen, dass es auch wirklich zeitlich passt. So sehen sie dann, ob das, was sie sich für die Stunde im Distanzunterricht vorgenommen haben, auch wirklich angemessen ist.

Wir beginnen also tatsächlich jede Stunde, vor allem die erste, mit einer Videokonferenz. Wir begrüßen einander, fragen nach dem Befinden, erzählen ein bisschen etwas und gehen dann in die Arbeitsphase. Die Schüler können allein arbeiten, sich mit anderen der Klasse im Chat treffen oder auch außerhalb der Plattform miteinander kommunizieren. Alle bleiben währenddessen in der Videokonferenz, meist mit ausgeschaltetem Mikro und Kamera, und die Lehrkraft ist die ganze Zeit ansprechbar, entweder über den Chat oder auch über Ton. Dann werden die Aufgaben besprochen und es gibt einen gemeinsamen Abschied, bei dem die meisten nochmal ihre Kamera aktivieren und allen zuwinken.

Das Gute an dem Stundenplan: So ist es besonders für die kleinen Kinder ganz selbstverständlich, dass sie ihre Pause haben und dann etwas essen, sich bewegen und, ja, auch mal die Toilette benutzen 😉

Egal, wie der Rahmen ist, ob mit Stundenplan oder Wochenplan, wenn es Videokonferenzen gibt, kann dies eben nicht wie eine “normale” Schulstunde im Präsenzunterricht ablaufen.

Anika:

Videounterricht und Präsenzunterricht können nicht gleichgesetzt werden. Das letzte Jahr hat uns gezeigt: Präsenzunterricht ist nicht zu ersetzen.

Wenn wir aber – wie derzeit – nicht im Präsenzunterricht sein können, stellt Videounterricht eine gute Alternative dar, um mit Schülern in Kontakt zu bleiben, Fragen zu klären und zumindest ein wenig Unterrichtsatmosphäre herzustellen. Dabei können die Herausforderungen – je nach Altersstufe und Lerngruppe – sehr unterschiedlich sein. Während es bei den jüngeren Schülern häufig etwas unruhiger zugeht, ist es in der Mittelstufe dann oft etwas zu ruhig. Mit Oberstufenschülern kommt Videounterricht meist dem Präsenzunterricht am nächsten. 

Auch bei uns gibt der Stundenplan den Zeitplan/das Raster für Videokonferenzen vor. Die Eltern und Schüler erhalten jeden Sonntag von den Klassenlehrern einen Plan für die Woche. Dieser gibt eine Übersicht über die Aufgaben der Woche und die geplanten Videokonferenzen. Es gibt nicht in jeder Stunde eine Videokonferenz, jedoch in jedem Fach mindestens einmal pro Woche. Wenn Videokonferenzen gehalten werden, finden sie auch zu dem Zeitpunkt statt, an dem normalerweise der Unterricht wäre. Wie diese Konferenzen organisiert werden (geteilt oder in der ganzen Gruppe), bleibt jeder Lehrkraft selbst überlassen. Dadurch haben die Schüler schon jeden Tag Videounterricht, aber eben nicht sechs Stunden am Stück.

Auch wenn uns beiden vor dem erneuten Distanzunterricht bewusst war, dass dieser den Präsenzunterricht nicht 1:1 abbilden kann, haben wir einige Kleinigkeiten bemerkt, die wir euch hier gern als praktische Tipps nach dieser ersten “Praxiswoche” geben möchten:

Die Kamera

  1. Anika: Bei uns hat es sich – leider aus leidvoller Erfahrung – eingespielt, dass alle sich zu Beginn der Videokonferenz einmal kurz mit Gesicht zeigen, damit man sicher geht, dass sich nicht jemand in der Konferenz befindet, der dort nicht hingehört. Danach kann jede/r für sich entscheiden, ob er/sie die Kamera anlässt. Auch die Lehrkraft.
    Nina: Wir wollen ja so beginnen, dass alle am Anfang einmal ein “Hallo” und am Ende “Tschüss” sagen können. Allerdings zwingen wir keinen, wenn jemand es partout nicht möchte.
  2. Wichtig ist es – ebenso wie im Präsenzunterricht -, die Frontalsituation regelmäßig aufzulösen. Aufgrund der ungewohnten Umgebung fällt es – unserer Erfahrung nach – einigen Schülern schwer, sich in der gesamten Gruppe zu äußern und am Unterricht zu beteiligen. Das geht – wie oben schon beschrieben – auch ganz einfach durch Einzelarbeitsphasen, in denen jede/r für sich arbeitet und Kamera und Mikro ausschaltet, während die Lehrkraft im virtuellen Raum bleibt und für Fragen zur Verfügung steht. 
  3. Wenn man mit einer Plattform arbeitet, die „Break-Out-Rooms“ ermöglicht, machen digitale Gruppenarbeiten, Besprechungs- und Vorbereitungsphasen den Schülern erfahrungsgemäß viel Spaß. Sie freuen sich meist sehr über den Kontakt zu den Mitschülern, der in diesen Tagen viel zu kurz kommt.
    → Kurze Erklärung: Die anwesenden Schüler können dann in einer kleiner Gruppe oder sogar auch nur zu zweit ihre eigene Video-/Audiokonferenz haben. In dieser Zeit können sie arbeitsteilig arbeiten oder auch Ergebnisse/Hausaufgaben besprechen.
    → Zum jetzigen Zeitpunkt bieten MS Teams, Big Blue Button / IServ und Zoom diese Funktion an.
  4. Anika: Meine Schüler haben sich neulich auch gewünscht, doch einfach mal ein bisschen zu quatschen. Man darf sich als Lehrkraft auch einfach mal für 10 Minuten „raus“ schalten und den Kindern eine „Hofpause“ in Videoformat gönnen. Oder ein freiwilliges Pausenangebot einrichten, zu dem jeder dazu kommen kann, der möchte.
    Nina: Dieses “Verlangen” kenne ich auch: Unsere Schüler dürfen die Konferenz ein paar Minuten früher starten und vor der Lehrkraft “im Raum” sein. Da wird dann viel gequatscht ☺️
  5. Aber zurück zum Unterricht: Auch in der Videokonferenz kann man spielen. Diverse Spiele eignen sich, um die Atmosphäre aufzulockern und/oder ein bisschen Schwung in die Bude zu bringen. So kann man z.B. eine Schnitzeljagd veranstalten, „Ich sehe was, was du nicht siehst“, Tiere raten oder Taboo (ein Schüler bekommt per Privatchat einen Begriff zugeschickt und muss diesen erklären) spielen. Auch ein Kahoot-Quiz geht immer – live über die Bildschirmfreigabe. 

Das Mikrofon

  1. Je nach Lerngruppe bleibt das Mikro an oder wird stummgeschaltet. Das muss man ein bisschen ausprobieren. Die Größeren managen das oft sehr selbstständig und schalten bei Hintergrundgeräuschen ihre Mikros stumm. Bei den Kleineren kann es schon mal nötig sein, alle stumm zu schalten. 
  2. Wichtig ist, dass man es technisch geübt hat, ob sie sich selbst stummschalten können und “entstummen” dürfen. Je nach Plattform kann die Lehrkraft unterschiedliche Rechte verteilen!

Das Material

  1. Die Videokonferenzen müssen nicht zu Zauberstunden werden! Alle Schüler sollten ihr „normales” Material zu Hause vorliegen haben, sodass man einfach nur die Zeit der Konferenz dazu nutzen kann, diese analogen Aufgaben zu bearbeiten, evtl. auch mal Audio- oder Videomaterial vorzuspielen und im Plenum zu vergleichen.
  2. Zu Anfang hat sich eine “Begrüßungsfolie” bewährt: Manche Lehrkräfte haben zB. ein virtuelles Klassenzimmer über PowerPoint erstellt. Ich, Nina, zeige z.B. eine Seite vom ClassroomScreen.

In den sozialen Netzwerken werden wir oft gefragt, wie genau denn nun so eine Unterrichtsstunde über Video aussehen kann. Daher möchten abschließend noch zwei Stunden skizzieren, wie man es in Englisch in Klasse 5 und Deutsch in Klasse 6 machen könnte. Das Wichtigste habt ihr schon als Grundlage: Ihr könnt Stunden in Phasen einteilen. Das macht ihr bei der Planung für den Präsenzunterricht auch. Und genau diese Erfahrung könnt ihr wirklich mit auf den Distanzunterricht übertragen:

Unterrichtsszenarien

Nina | Englisch | Klasse 5: Thema „Homes and Families“ (Einstieg in eine neue Unit)

  1. Einstiegsphase: Begrüßung, evtl. Technikcheck, Organisatorisches
  2. Überleitung: I hope you feel good!
    → Nutzen der Emoji-Funktion: Show me a “thumbs up” – do you feel good?
    We are all at home, it’s nice and warm there. Are you in your room? Or are you in the living room? Sometimes, I sit in the kitchen! The table is bigger and I like it there. What about you?
    → Nutzen der Handhebe-Funktion: Einzelne Schüler melden sich, können erzählen.
    I live in a flat, but one of our Plymouth kids, Abby, she lives in a really big house.
  3. Erarbeitungsphase und Sicherung 1: 
    1. Lehrkraft teilt den Bildschirm, sodass alle Schüler die Abbildung aus dem Buch sehen (sie haben die gleiche Abbildung auch vor sich liegen). Zeigen auf Abby und ihr Haus (Cornelsen, Access 1, Unit 2). Lehrkraft geht die einzelnen Fragen aus dem Buch durch (Räume, oben, unten, etc.). In einer Aufgabe sollen Gegenstände im Haus gefunden werden, z.B. Spielzeug, Foto, Lampe.
      → Hier kann man die Kamera nutzen, die Schüler können die Gegenstände holen oder in ihrem Raum darauf zeigen (wieder: nur, wer möchte, ohne Zwang). 
    2. Lehrkraft spielt die Audiodatei zu der Seite ab, Schüler machen sich Notizen, stellen Rückfragen
      → in einer Aufgabe soll man mit dem Finger auf die Räume zeigen: Wenn der Bildschirm geteilt ist, kann man den Schülern die Rechte geben, dies auch auf dem geteilten Bildschirm, hier auf der Abbildung des Hauses, zu zeigen.
    3. Im Buch wird vorgeschlagen, dass die Schüler sich nun gegenseitig ihre Kinderzimmer beschreiben. Dazu könnten sie in Breakout-Räume und das zB. in Dreiergruppen tun. Es wird ihnen freigestellt, ob sie ihre Kamera anschalten und den Raum zeigen.
    4. Nach Ablauf der Zeit kommen die Schüler wieder zurück in die “Hauptkonferenz” und 1-2 Gruppen stellen ihre Ergebnisse vor.
  4. Erarbeitungsphase und Sicherung 2:
    1. Um das Gelernte, hier vor allem den neuen Wortschatz, zu sichern, lässt die Lehrkraft nun die dazugehörigen Aufgaben im Workbook in Einzelarbeit bearbeiten. Dazu wird eine Uhrzeit ausgemacht, bis man sich wieder “trifft”. Alle bleiben in der Videokonferenz, aber Mikro und Kamera werden bei allen ausgeschaltet. Bei Fragen können sich einzelne Schüler über den Chat bei der Lehrkraft melden.
    2. Nun können die Aufgaben besprochen werden: ein Schüler trägt vor, ruft den nächsten Schüler auf, usw.
    3. Hier kann die Lehrkraft auch sehen, ob die Zeit für die Aufgaben reicht und evtl. das Pensum anpassen.
  5. Transfer: Als Abschluss und kleines Bewegungsspiel kann man nun die Kinder auffordern, in die einzelnen Räume zu laufen und Gegenstände zu holen. Zum Beispiel: „Go to the kitchen and get a spoon! Run to the bathroom and get your toothbrush.“
    → Achtung: Wortschatz klar? Nur Gegenstände nennen oder vorher zeigen, die auch die meisten Kinder zu Hause haben können.
  6. Mögliche Hausaufgabe: Um den Wortschatz zu üben, sollen die Schüler die Wörter auf Papierschnipsel oder Haftnotizen schreiben und in ihrem Zuhause aufhängen.
    → Wir als Schule haben uns dazu entschieden, nur in Ausnahmefällen, und wenn nur in den „Hauptfächern“, Hausaufgaben aufzugeben. Dazu gehören z.B. Vokabeln in den Fremdsprachen.

Anika | Deutsch | Klasse 6: Thema „Fabeln“

Hausaufgabe zur Stunde: Eine Fabel zu Ende schreiben

  1. Einstiegsphase: Begrüßung, Anwesenheitskontrolle (Organisatorisches)
  1. Evtl. kleiner Icebreaker/Energizer:  2-3 Dinge per Schnitzeljagd holen, Lieblingskuscheltier mitbringen und erzählen (eventuell abwechseln – beim Thema „Fabeln“  kann dann direkt darüber gesprochen werden, welche Eigenschaften die mitgebrachten „Tiere“ in Fabeln haben),
    Taboo-Raterunde (vielleicht auch Begriffe aus Fabeln oder Tiere – dann ist das gleich ein thematischer Einstieg etc.)
  2. Besprechung der Aufgaben: eventuell mit Auslosung, wer vorträgt (z.B.: Bildschirm teilen „wheeldecide“ o.ä. aufrufen, Rad drehen…), selbst geschriebene Fabeln vortragen etc. und gemeinsame Besprechung 
  3. Erarbeitungsphase 1: Fabel vorlesen (Lehrkraft), Bildschirm teilen und ein Whiteboard oder einfach ein leeres Blatt einer Word-Datei aufrufen, um ein Tafelbild zu erstellen, Verständnis sichern, Fabelmerkmale besprechen, Fragen klären
  4. Erarbeitungsphase 2 (Gruppenarbeit): Aufgaben zur Fabel (inhaltliche Fragen,  gemeinsam eine Lehre überlegen, einfach vorhandene Aufgaben im Buch (oder Material vom Lehrermarktplatz nutzen), in GA lösen
  5. Präsentation/Sicherung: Gemeinsame Besprechung der Aufgaben 
  6. Abschluss: Eventuell eine Hausaufgabe stellen (bitte nicht zu viel und vielleicht auch nur, wenn die Sitzung nicht so lange dauert, wie die reguläre Unterrichtszeit) oder noch besser: gemeinsames Quiz (Kahoot etc.)

Wir hoffen, dass wir mit diesen kleinen Skizzen ein bisschen Orientierung geben können. Wie gesagt, wir müssen uns da alle ein bisschen „durchwurschteln“, können aber auf ganz viel, was wir schon können, zurückgreifen. Hier sind noch ein paar Links zu kurzen Spielen und kleinen Motivationsschüben:

UPDATE Weitere tolle Tipps aus dem #Instalehrerzimmer

Natalia, @hauptfach_mensch, gibt Tipps, wie man die Videokonferenz beginnen kann:

„Startest du heute gleich mit einer Videokonferenz in die Woche? 
Dann nimm’ dir einen kurzen Moment Zeit, bevor du die Kamera und den Ton anschaltest. Atme einmal tief ein und aus.“

Natalia gibt in ihrem Post ganz viele Anregungen, wie man starten kann, mit man nach dem Befinden fragen kann, usw. Schaut euch gerne ihre Tipps an.

Anna, @froehlichfresch, beantwortete Fragen zu Videokonferenzen in der Grundschule. Sie ist Schulleiterin in Solingen.

Sie hatte vor kurzem in ihrere Story die Möglichkeit gegeben, Fragen zum Distanzlernen zu stellen und ganz viele Eindrücke gegeben. Diese hat sie in ihrem Story-Highlight „Distanzlernen“ gespeichert.

Und noch ein kleines Goodie zum Schluss: „Oma Martha“ (@omamartha69) hat die ganzen Tipps als Sketchnote verfasst und mir via Instagram zur Verfügung gestellt:

Beitragsbild: https://pixabay.com/de/illustrations/lehrer-tablette-mathematik-bildung-5635919/ | Icons made by Nhor Phai from www.flaticon.com

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