Warum du ihn kennen und auf seine problematischen und gewaltverherrlichenden Ansichten reagieren können solltest. Vor allem im Unterricht.

Auch wenn dieser Typ echt nicht noch mehr Reichweite bekommen sollte, müssen wir Lehrkräfte über ihn und seine Aktivitäten Bescheid wissen. Denn es ist sehr wahrscheinlich (je nach Alter unserer Schülerinnen und Schüler), dass sie schon mindestens eins seiner Videos gesehen haben. Und hier wird’s gefährlich – sie könnten sein Verhalten nachahmen.

Claire, bei Instagram bekannt als @the.unteachables, hat einen Beitrag erstellt, wie man als Lehrkraft mit Andrew Tates Äußerungen umgehen kann und darum gebeten, dass so viele Lehrkräfte wie möglich von ihm erfahren und auch eine Art Handlungsempfehlung bekommen:

Denn, da stimme ich Claire zu, in der Lehrerausbildung wird uns nicht beigebracht, wie man mit solchen Dingen wie Sexismus, Homophobie, usw. umgeht. Vor allem, wenn es plötzlich „Internet-Idole“ sind, von denen wir und sehr wahrscheinlich auch die Eltern noch nie etwas gehört haben.

Trotzdem gibt es Dinge, die wir tun können, um das Thema aufzugreifen, unsere Schülerschaft aufzuklären und dafür zu sorgen, dass unsere Stimmen lauter und unsere Ansichten einflussreicher für unsere Schützlinge sind als die Aussagen dieses unmöglichen Typens – und übrigens auch anderer „Influencer“. Er ist nicht der Einzige, aber wahrscheinlich der Bekannteste.

Ich habe daher mit Claire gesprochen und sie darum gebeten, dass ich ihre Tipps auch auf Deutsch zur Verfügung stellen darf. Sie findet es eine hervorragende Idee! 🤩 Thank you! Daher gibt es weiter unten Ideen von Claire gepaart mit ein paar Tipps von meiner Seite. Diese sind besonders für Lehrkräfte gedacht, können aber auch für Eltern einen Startimpuls liefern.

Noch ein Hinweis: Ich habe extra auf Bild-und Tonmaterial verzichtet. Wenn ihr daran interessiert seid, sucht auf den Social-Media-Plattformen nach dem Hashtag #andrewtate

Wer ist Andrew Tate und was ist problematisch?

Andrew Tate ist ein fragwürdiger Influencer und ehemaliger Kickboxer, der Frauenhass und Schwulenfeindlichkeit propagiert. Seine Videos werden vor allem auf TikTok von unzähligen Menschen gesehen. Besonders junge Männer werden auf diese Weise sehr stark von seinen Ansichten beeinflusst. Das Schlimme ist: Viele vergöttern ihn mittlerweile.
Über seine Kanäle hat er Ansichten geäußert wie:
Vergewaltigungsopfer sollten eine gewisse Mitverantwortung tragen, Frauen seien das Eigentum der Männer, junge Mädchen seien gefälliger, weil sie leichter zu “prägen” sind und “weniger Schwänze hatten”, Frauen sollten im Schlafzimmer hart angefasst werden (er beschreibt anschaulich, wie sie gewürgt und gepackt werden sollten und wie man ihnen beibringt den Mund zu halten).

Warum das überhaupt ein Problem in Schulen ist

Vielerorts sieht man bereits, wie sich die Popularität dieser Videos und das schiere Ausmaß seines Einflusses auf Schüler auswirkt. Im folgenden Auszug aus einem Beitrag auf @shityoushouldcareabout schreibt eine Lehrerin aus Neuseeland:
“Die meisten unserer Schüler, vor allem die jüngeren, sind BESESSEN von ihm und seinen abwegigen Ansichten, die er offen zeigt. Was noch erschreckender ist, ist, dass sie ihn tatsächlich als ein Vorbild sehen. Sie beginnen wirklich zu glauben, dass Erfolg gleichbedeutend ist mit mit dem Missbrauch von Frauen. Unsere jüngeren Schüler analysieren gerade Reden und üben auch sie selbst zu schreiben. Sie alle wollen ihre Reden über ihn halten und wie inspirierend er ist. …”

Was können wir dagegen tun?

Uns Lehrkräften ist es nicht fremd, dass wir hin und wieder unangemessene Kommentare von Schülern ansprechen müssen. Doch heute ist es wichtiger denn je, bei diesen Verhaltensweisen und Ansichten die Grenze zu ziehen und sie systematisch, klar und konsequent durchzusetzen.

Das absolut Schlimmste, was wir tun können ist, nichts oder nur sehr wenig zu tun und zu sagen!

Daher kommen nun Tipps, wie du stattdessen reagieren und wie du dich verhalten kannst.

Situation A: Schülerinnen und Schüler sprechen allgemein über ihn

1 Suche und eröffne das Gespräch.
2 Zeige Neugier und Unvoreingenommenheit!
→ Informiere und erkläre dann aber gleichzeitig, warum der Inhalt seiner Aussagen problematisch ist (in einer altersgerechten Sprache).
3 Benenne die Dinge, was sie sind!
→ Wenn wir Frauenfeindlichkeit und Gewalttätigkeit ignorieren, normalisieren wir sie.
4 Erinnere ggf. an die Regeln und Absprachen in deiner Klasse
→ Werte wie Respekt und Toleranz sind garantiert mit dabei! Das passt dann hier aber nicht.

Sitaution B: SuS lachen und jemand spricht positiv über ihn

1 Suche ein persönliches Gespräch mit dem Schüler
→ Finde heraus, warum er/sie es positiv sieht und was daran lustig ist.
2 Nenne Beispiele und Vergleiche
→ “Wenn du darüber lachst, sagst du damit, dass XY in Ordnung ist. Meintest du es so?”
3 Kläre auf und gehe den Dingen auf den Grund
→ “Diese Videos sieht schädlich, gewaltverherrlichend und frauenfeindlich. Weißt du, warum?”

Hier geht es tatsächlich darum, nicht einfach nur abzuwimmeln. Sondern es geht darum, es ausnahmsweise mal zu einer großen Sache zu machen.

Situation C: SuS ahmen ihn aktiv in ihren Verhaltensweisen nach

1 Mach dem Schüler deutlich, was sein Verhalten ist.
→ “Was du gerade gesagt hast, ist homophob/ frauen-feindlich/sexistisch/gewalttätig/beleidigend… Ich möchte, dass du weißt, dass das sehr ernst ist. Wir werden nach der Stunde weiter darüber sprechen.”
2 Stelle dich auf die Seite der “Opfer” und Zeugen
→ Mache ihnen klar, dass diese Bemerkungen niemals akzeptabel sind und du sie konsequent verfolgen wirst.
3 Kläre den “Täter” im Folgegespräch auf
→ “Verstehst du, warum die Dinge, die du gesagt hast, nicht in Ordnung sind? Kannst du mir das mit deinen eigenen Worten erklären? Wer könnte sich verletzt fühlen? Wie kannst du das wieder gut machen?”

Was du außerdem tun solltest

Informiere auch die Klassenleitung und evtl. Jahrgangs-stufenleitung und lade die Eltern zu einem Gespräch in die Schule ein.
Kläre auch sie erst einmal auf, wer der Mensch ist und warum es so problematisch ist. Appelliere an ihre Werte und Normen, dass solche Aussagen einfach nicht akzeptabel sind.
Sollte es mehrere SuS in einer Klasse oder sogar Stufe betreffen, biete an, einen Informationsabend zu machen.

Was du außerdem wissen solltest

Gegen Andrew Tate wird “im echten Leben” wegen Zwangs-prostitution und Vergewaltigung ermittelt – in Rumänien, wo der US-Amerikaner mittlerweile lebt, weil “die rumänische Polizei sich nicht so viel um Anschuldigungen sexuellen Missbrauchs kümmert wie die US-Polizei”. (Quelle)
Warum entfernen die Social-Media-Plattformen seine Videos nicht einfach? Na ja. Es klingt übel. Sie generieren Klicks und somit Geld…
ABER: Vor ein paar Tagen wurde Andrew Tate auf Instagram und Facebook geblockt, nun auch auf TikTok. Man kann nur noch sein Profil, aber nicht mehr seine Inhalte sehen. Andere Kanäle werden folgen.
Dennoch werden seine Videos über andere Kanäle aufgrund der unzähligen geteilten Inhalte weiter sichtbar und somit zugänglich sein!

Als Abschluss, ich hatte es schon anfangs gesagt: Andrew Tate dient hier als Beispiel. Es gibt viele weitere Menschen, die ihre Plattformen dazu nutzen, die unmöglichsten Dinge und Ansichten zu verbreiten. Tate ist dabei nicht der Erste und Einzige und wird vor allem nicht der Letzte bleiben. Aber er ist einer der Bekanntesten und kann damit hervorragend als Diskussionsgrundlage dienen, um mit den Schülerinnen und Schülern ins Gespräch über Wertvorstellungen zu kommen.

Ich bin mal neugierig: Kanntet ihr ihr vorher? Seid ihr durch eure SuS schon mal mit ihm in Kontakt gekommen? Und: Ist die Blockung der Social-Media-Konten gerechtfertigt oder sollte es als freie Meinungsäußerung gelten?

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